Walter L.iest DADA

Richard Huelsenbeck, Hugo Ball, Kurt Schwitters, Hans Arp und die Folgen…

Schwitters "Ursonate", ein Auszug

Schwitters „Ursonate“, ein Auszug

Ich weiß, es gibt viele Möglichkeiten, einen Sonntagnachmittag zu verbringen… Ich verbrachte meinen gestern im Kölner Kultursalon Freiraum mit einem DADA-Programm des Musikdirektors und Rezitators Walter L. Mik. Zwar versuchte just vor Beginn eine wärmende Herbstsonne noch einmal, mich auf eine Kaffeehausterrasse zu locken, doch ich blieb standhaft und habe es nicht bereut. Im Gegenteil!

Walter L. Mik, der sich bereits seit längerem der Vermittlung der dadaistischen Bewegung und ihrer Kunst widmet, begann den diesmaligen Auftakt seiner auf mehrere Teile angelegten Session, die sich vor allem mit den Folgen des Dadaismus beschäftigen wird, mit der Verlesung von zwei Dokumenten, die Auskunft geben über Ursprung und Ziele: der Erklärung Richard Huelsenbecks zu DADA, abgegeben 1916 im von Hugo Ball, Hans Arp, Tristan Tzara u .a. gegründeten Cabaret Voltaire in Zürich, wohin der Kriegsverweigerer Huelsenbeck entwichen war, und seiner 1. DADA-Rede in Berlin 1918, in der er nicht minder gegen Futurismus und Kubismus wetterte und DADA als die beides überwindende Kunstform proklamierte.

Walter M. Mik - Dada & Schirm © Wolfgang Schiffer

Walter M. Mik – Dada & Schirm © Wolfgang Schiffer

Schnell folgten sodann bestens interpretierte Beispiele einiger der bekanntesten Vertreter des Dadaismus: neben Arbeiten von Richard Huelsenbeck selbst u. a. Hans Arps „Opus 0“, Kurt Schwitters (oder Raoul Hausmanns, da ist sich die Quellenforschung nicht sicher…) „Legen Sie Ihr Geld in dada an…“ und das neben Schwitters „Ursonate“ wohl bekannteste Textwerk des Künstlers „An Anna Blume“, das er 1920 an Hannovers Litfaßsäulen klebte, um Werbung für seinen neuen Gedichtband zu machen.

An Anna Blume

Oh Du, Geliebte meiner 27 Sinne, ich liebe Dir!
Du, Deiner, Dich Dir, ich Dir, Du mir, —- wir?
Das gehört beiläufig nicht hierher!
Wer bist Du, ungezähltes Frauenzimmer, Du bist, bist Du?
Die Leute sagen, Du wärest.
Laß sie sagen, sie wissen nicht, wie der Kirchturm steht.
Du trägst den Hut auf Deinen Füßen und wanderst auf die Hände,
Auf den Händen wanderst Du.
Halloh, Deine roten Kleider, in weiße Falten zersägt,
Rot liebe ich Anna Blume, rot liebe ich Dir.
Du, Deiner, Dich Dir, ich Dir, Du mir, —– wir?
Das gehört beiläufig in die kalte Glut!
Anna Blume, rote Anna Blume, wie sagen die Leute?
Preisfrage:
1. Anna Blume hat ein Vogel,
2. Anna Blume ist rot.
3. Welche Farbe hat der Vogel?
Blau ist die Farbe Deines gelben Haares,
Rot ist die Farbe Deines grünen Vogels.
Du schlichtes Mädchen im Alltagskleid,
Du liebes grünes Tier, ich liebe Dir!
Du Deiner Dich Dir, ich Dir, Du mir, —- wir!
Das gehört beiläufig in die —- Glutenkiste.
Anna Blume, Anna, A—-N—-N—-A!
Ich träufle Deinen Namen.
Dein Name tropft wie weiches Rindertalg.
Weißt Du es Anna, weißt Du es schon,
Man kann Dich auch von hinten lesen.
Und Du, Du Herrlichste von allen,
Du bist von hinten, wie von vorne:
A——N——N——A.
Rindertalg träufelt STREICHELN über meinen Rücken.
Anna Blume,
Du tropfes Tier,
Ich——-liebe——-Dir!

Walter L. Mik © Wolfgang Schiffer

Walter L. Mik © Wolfgang Schiffer

Und die Folgen des Dadaismus? Da Walter L. Mik die Zeit als nicht eindimensional betrachtet, zählen für ihn auch Vorläufer dazu, und er zitierte mit Verve ein Gedicht von Christian Morgenstern, der schließlich von Hermann Hesse zum 1. Dadaisten ernannt worden sei, ebenso wie erste Lautgedichte aus dem 17. Jahrhundert. Doch brachte er auch Eigenes zu Gehör: eine Hommage an Kurt Schwitters – Variationen zu dessen „Ursonate“, bei deren Vortrag er das Publikum zum laut hörbaren Mitwirken animierte. Den Abschluss bildete schließlich das bekannte, possenhafte Gedicht für zwei Schauspieler des im letzten Jahr gestorbenen Schriftstellers Herbert Rosendorfer: „ Mein Name ist Urlappi“. Walter L. Mik übernahm hier kurzerhand beide Parts und bot eine rezitatorische Glanzleistung.

Unterm Strich: ein höchst vergnüglicher Nachmittag, der vielleicht nicht nur mich dazu anregt, sich neben der bildenden Kunst auch wieder einmal etwas intensiver mit den literarischen Hervorbringungen des Dadaismus und deren Nachfolger zu beschäftigen. Auf die Fortsetzungen im Kultursalon Freiraum bleibe ich in jedem Fall gespannt; die nächste findet bereits am Sonntag, den 10. November statt, um 17:00 Uhr. Wer weiß, vielleicht lockt dann sogar nicht einmal mehr die Sonne zu anderen Vergnügen…

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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9 Antworten zu Walter L.iest DADA

  1. gsohn schreibt:

    Hat dies auf Ich sag mal rebloggt.

  2. jonbjarni schreibt:

    Unser Franz hat Anna Blume, Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf, Tristan Tzara u.a.m. übersetzt, und das hat er gut gemacht..

    • schifferw schreibt:

      Lieber Jón Bjarni, ich denke, Walter L, Mik würde sich freuen, wenn er diese Übersetzungen ins Isländische in seine Sammlung aufnehmen könnte. Sind sie publiziert oder noch als Manuskript verfügbar? Liebe Grüße, Wolfgang

      • jonbjarni schreibt:

        Lieber Wolfgang, die Übersetzungen sind vor einigen Jahren publiziert worden, das Themaheft (Avantgarde) habe ich leider nicht bei mir. Aber ich könnte die Texte daraus kopieren. Schöne Grüße, Jón Bjarni

  3. schifferw schreibt:

    Lieber, für diese Kopien wäre ich Dir sehr dankbar! Takk fyrir og bless, Dein Wolfgang

  4. Walter Mik schreibt:

    Lieber Wolfgang, über den Blog habe ich mich sehr gefreut. Kann ich die schönen Fotos auch anderweitig verwenden? Natürlich interessiert mich auch die isländische Übersetzung dadaistischer Texte sehr. Noch zwei kleine Bemerkungen: Die Spielerei mit meinem 2. Vornamen (wird nicht verraten) führt zu der Schreibversion Walter L.iest Dada (also nur ein L.). Wichtiger ist mir noch, meine vielleicht mißverständlichen Äußerungen zur „Zeit“ zu korrigieren. Gerade als nicht eindimensional nur in eine sogenannte Zukunft gerichtet betrachte ich sie, sondern mehrdimensional in alle Richtungen sich bewegend. Schwer vorzustellen, aber kann man sich die Zeit überhaupt konkret vorstellen? Nur die Kunst hat die Chance, den Gegensatz von Vergangenheit, Gleichzeitigkeit und Zukunft aufzuheben und in sich zu vereinen. Also arbeiten wir weiter daran!!!
    Walter

    • schifferw schreibt:

      Lieber Walter, hab Dank für Deine Rückmeldung und Deine zu Recht korrigierenden Anmerkungen. Ich habe die „Reparaturen“ schnell und gerne ausgeführt! Und gebe zu: die Titel-Finte ist mir entgangen und die „eindimensionale“ Vorstellung von Zeit leider auf eine der klein-lettrigen Schreibmaske geschuldeten Auslassung zurückzuführen… Du warst da gar nicht missverständlich!
      Die Fotos sind rechtefrei – also jederzeit verwendbar. Und die Kopien der Übersetzungen ins Isländische werden Montag in Reykjavík erstellt und gehen sodann über den großen Teich…
      Gute Grüße, Wolfgang

  5. Pingback: An Anna Blume | Wortspiele: Ein literarischer Blog

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