„Tausend Stimmen“

Ein Abend mit Swetlana Alexijewitsch, der Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels 2013

Die Ränge im Depot des Schauspiel Kölns füllen sich © Wolfgang Schiffer

Die Ränge im Depot des Schauspiel Kölns füllen sich © Wolfgang Schiffer

Wenn in Köln ein Ereignis zum zweiten Mal stattfindet, so spricht man gerne schon von einer Tradition. Das ist übertrieben – selbst dann, wenn man zur Sicherheit auch das dritte Mal noch abwarten würde! Nicht übertrieben ist es aber, von einer solchen zu sprechen, wenn man an den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels denkt, denn seit vielen Jahren bereits lädt das Literaturhaus Köln die jeweilige Preisträgerin, den jeweiligen Preisträger am Tag nach der feierlichen Verleihung der Auszeichnung in der Frankfurter Paulskirche zu Gesprächen und Lesungen in die Domstadt ein, im Zusammenwirken mit dem Preisgeber, dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels, und mit der freundlichen Förderung durch die Deutsche Bank. Mit dabei ist u. a. stets auch das Kulturradio WDR 3, das die abendliche Veranstaltung aufzeichnet und sendet und sie so über das anwesende Publikum hinaus viele Hörerinnen und Hörer miterleben lässt.

Auf der Bühne. V.l.n.r. Nadja Simon, Svetlana Alexijewitsch, Elisabeth von Thadden © Wolfgang Schiffer

Auf der Bühne. V.l.n.r. Nadja Simon, Svetlana Alexijewitsch, Elisabeth von Thadden © Wolfgang Schiffer

Swetlana-Alexijewitsch-Secondhand-ZeitSo geschah es auch gestern Abend. Im Kalker Depot im Carlswerk, einer der derzeitigen Spielstätten des wegen Umbauarbeiten geschlossenen Kölner Schauspielhauses, gab die weißrussische Schriftstellerin Svetlana Alexijewitsch im Gespräch mit der Zeit-Redakteurin Elisabeth von Thadden Auskunft über ihr Leben und ihre journalistische und vor allem literarische Arbeit.
Unterstützt wurden sie dabei von der Übersetzerin Nadja Simon; die Schauspielerin Therese Dürrenberger las Textpassagen aus Alexijewitschs jüngstem Werk, der mehr als 500 Seiten umfassenden, von der FAZ als „Roman der Stimmen“ gekennzeichneten dokumentarischen Prosa „Secondhand-Zeit – Leben auf den Trümmern des Sozialismus“, die vor wenigen Wochen in deutscher Übersetzung im Hanser Verlag Berlin erschienen ist.

Es war ein eindrucksvoller Abend! Svetlana Alexijewitsch, bei der feierlichen Verleihung des Friedenspreises am Tag zuvor von ihrem Laudator, dem Historiker Karl Schlögel, als „Archäologin der kommunistischen Lebenswelt“ gewürdigt, ließ keinen Zweifel daran, dass der Mentalitätsgeschichte des sowjetischen Menschen, des „Homo Sovieticus“, der sie in Tausenden zur Literatur verdichteten Stimmen von Zeitgenossen bereits nachgespürt ist (u. a. „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“, „Die letzten Zeugen. Kinder im Zweiten Weltkrieg“, „Zinkjungen“, „Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft“), auch in der post-sowjetischen Ära kaum neue, zukunftsweisende Facetten hinzuzuschreiben sind.

Svetlana Alexijewitsch © Wolfgang Schiffer

Svetlana Alexijewitsch © Wolfgang Schiffer

„Von der Freiheit ist nur das Wort übrig geblieben“, so sagt sie, weil man vergessen habe, dem Volk zu sagen, dass Freiheit Arbeit ist. Das Volk warte stattdessen auf ein Wunder, und da dieses nicht eintrete, mache sich Enttäuschung breit, Enttäuschung, in der, gefördert durch die anhaltende mentale Rückwärtsgewandtheit auf den „Großen Vaterländischen Krieg“, selbst Stalin wieder zum Helden der Geschichte werde. Und die Proteste gegen Putin in Russland und Lukaschenko in Weißrussland, wo sie trotz der erfahrenen Repressionen nach Jahren des Exils nun wieder lebt? Sie kämen von wenigen, vor allem jungen und erfolgreichen Menschen; das breite Volk jedoch schweige und sehne sich aus Angst vor Veränderungen zurück nach der UDSSR.

In ihrer Dankesrede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels sagt Svetlana Alexijewitsch:

Ich habe den größten Teil meines Lebens in der Sowjetunion verbracht. Im kommunistischen Versuchslabor. Auf dem Tor des schrecklichen Lagers auf den Solowki-Inseln hing die Losung: „Mit eiserner Hand zwingen wir die Menschheit zum Glück“. Der Kommunismus hatte einen aberwitzigen Plan – den alten Menschen, den alten Adam, umzumodeln. Und das ist gelungen. Es ist vielleicht das Einzige, was gelungen ist.

Bitterer kann man Enttäuschung kaum zur Sprache bringen. Und dennoch: Selbst in Leben unter solcher Doktrin gibt es Glück. Auch davon zeugen manche Beispiele „übersehener Geschichte“ in dem äußerst lesenswerten Buch „Secondhand-Zeit“.

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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6 Antworten zu „Tausend Stimmen“

  1. gsohn schreibt:

    Hat dies auf Ich sag mal rebloggt.

  2. Xeniana schreibt:

    Das Buch begegnet mir jetzt schon zum wiederholten Male. Und nach diesem Artikel möchte ich es definitiv in meinem „noch zu lesen „Bücherstapel haben.

    • schifferw schreibt:

      Das freut mich! Das hierin aus vielen Stimmen verdichtete Kaleidoskop an Erfahrungen und Schicksalen ist m. E. eine wirklich lohnenswerte Lektüre. Ich bin übrigens erstmals so richtig aufmerksam geworden auf diese Autorin, als sie, ich glaub, Ende der 90er, ihr Buch „Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft“ veröffentlicht hat… Gute Grüße, Wolfgang Schiffer

  3. Dr. Roland Franke schreibt:

    Sehr bewegte Bücher, die ich bei Gelegenheit unbedingt lesen sollte. Ich denke, dass diese sehr emotional geschrieben sind. Auch gratuliere ich hiermit der Schriftstellerin für den wohlverdienten Preis ihrere Werke.

  4. Pingback: Literaturhaus Köln mit neuem Domizil | Wortspiele: Ein literarischer Blog

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