„Aus Sternstaub ist mein Haus gemacht…“

Ein poesiebunter Geburtstags-Abend mit Albert Vigoleis Thelen

Ein bisschen Albert Vigoleis Thelen © Wolfgang Schiffer

Ein bisschen Albert Vigoleis Thelen © Wolfgang Schiffer

Mit ein wenig „pro domo“ für meinen Freund Johann P. Tammen und mich habe ich in meinen „Tipps für Kunst und Kultur“ zwar auf den diesjährigen Geburtstagsabend zu Ehren des großartigen, vom Niederrhein stammenden Schriftstellers und Sprachschwelgers Albert Vigoleis Thelen, den der Verein für Heimatpflege Viersen alljährlich ausrichtet, bereits hingewiesen – doch allen, die sich noch nicht entschieden haben, am 28. September der Hommage an diesen – auch 110 Jahre nach seiner Geburt – eine treue Anhängerschaft nach wie vor begeisternden Weltautor in der nach ihm benannten Stadtbibliothek in Viersen beizuwohnen, denen sei heute noch schnell ein kleiner Appetit-Happen nachgereicht:

Die Mördergrube

Es hatte ein Mensch aus seinem Herz
eine Mördergrube gemacht.
Nun litt er entsprechenderweise Schmerz,
und vor allen Dingen bei Nacht.

Das trieb ihn dem Selbstmord bedenklich nah
und zu stummer Verzweiflungstat.
Doch Cyankali war keines da,
und Veronal schien zu wenig probat.

Da schippte der Mensch in seiner Not
die Grube entschlossen zu
und entrann so als Mörder dem eigenen Tod,
und das Herze kam wieder zur Ruh.

VigolotriaEntnommen ist dieses Gedicht dem 1954 im Eugen Diederichs Verlag erstmals erschienenen Band „Vigolotria“. Schon das Motto eingangs dieser Gedichtsammlung ist dazu angetan, unsere volle Aufmerksamkeit auf die folgenden Beispiele der Thelenschen Poesie zu fordern, einer Poesie, die den „Vigo“, wie ihn seine Freunde und Bewunderer zärtlich nannten, als einen spöttischen Zeitkritiker und skeptischen Zweifler ebenso erkennen lassen wie einen genial-verspielten Wortakrobaten, der sich und uns mit vielsagenden Paradoxien und Grotesken vergnügt. Da heißt es:

Dichter sind die Büchsenöffner
ihrer Innenwelt:
Manchem schwinden schon die Sinne,
wenn der Deckel fällt.

Für alle weiteren Informationen zum Autor, zu seinem Lebensschicksal und Werk, bitte ich, auf den Wikipedia-Link zu Albert Vigolies Thelen oder auf die ihm gewidmete Homepage zu schauen; hier finden auch diejenigen, die dem Abend nicht beiwohnen können, zumindest wunderbares Lesefutter, auch wenn manches davon wohl nur noch antiquarisch zu erhalten ist. Eine wohl edierte Werkausgabe täte wirklich not!

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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3 Antworten zu „Aus Sternstaub ist mein Haus gemacht…“

  1. Hallo,
    ich habe Deinen Blog leider gerade erst so richtig entdeckt und finde ihn sehr schön.
    Besonders aber habe ich mich gerade über diesen Post über den grossen Dichter aus Absurdistan gefreut. Der wird ja leider nicht so häufig erwähnt und ist ein bisschen in Vergessenheit geraten zu sein. Völlig zu Unrecht, allein nur, wenn man an die Insel des zweiten Gesichts denkt, dieses phantastische (sic!) Buch, das eigentlich jeder mal gelesen haben sollte. Es gibt zwar auch Teile seines Werkes, die, die sich mit portugiesischen Mystiker Teixeira de Pascoaes beschäftigen, und die sich mir so gar nicht erschliessen wollen, aber dafür gibt es ja dann wieder die Gedichte.
    Genug der Schwärmerei, herzlichen Dank für den Artikel und einen lieben Gruss
    Kai

    • schifferw schreibt:

      Hallo, lieber Kai,
      hab Dank für Deinen Kommentar – es ist sehr gut, dass Du „Die Insel des zweiten Gesichts“ erwähnst; das ist wirklich ein großartiges Werk (von dem es m.W. auch eine Hörspiel-Bearbeitung gibt), auch wenn die Dichtung Thelens dahinter gelegentlich ins Schattige gerückt wird…
      Gute Grüße, Wolfgang

  2. Pingback: Der Schelm Vigoleis | Wortspiele: Ein literarischer Blog

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