Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (8)

Meine Reise durch die isländische Poesie

Schifffahrt in Island zu verschiedenen Zeiten © Wolfgang Schiffer

Schifffahrt in Island zu verschiedenen Zeiten © Wolfgang Schiffer

Nach stundenlangem Transkribieren von in Island aufgenommenen Gesprächen und der Premiere von „Wortspiel Radio“, zu der mich mein Freund, der „Ich sag mal„-Blogger Gunnar Sohn, eingeladen hat, verlangt es mich nach einer nächtlichen Atempause mit einem Gedicht von der Insel im Nordatlantik. Und da ich mich bei meinem jüngsten Aufenthalt in Reykjavík auch mit dem ehemaligen Journalisten und immer noch äußerst aktiven Schriftsteller Matthías Johannessen unterhalten habe, liegt es nahe, im heutigen Beitrag meiner Reise durch die isländische Poesie eines seiner Gedichte vorstellen.

Matthías Johannessen wurde im Januar 1930 in der isländischen Hauptstadt geboren. Als Jugendlicher, so erzählte er mir jüngst noch, fuhr er zur See und arbeitete vorübergehend gar im englischen Bergbau, studierte dann jedoch u. a. Isländische Literatur an der Universität Islands und später in Kopenhagen. Bereits während seiner Zeit in Kopenhagen arbeitete er freiberuflich als Journalist für „Morgunblaðið“, der größten isländischen Tageszeitung, für die er später hauptberuflich tätig wurde, zuletzt als Chefredakteur und Herausgeber.

Parallel zu seiner journalistischen Tätigkeit hat Matthías Johannessen jedoch auch ein äußerst umfangreiches literarisches Werk geschaffen. Es umfasst Theaterstücke, Hörspiele, Romane sowie Erzählungen und vor allem Poesie, weit über 20 Bände. Seine erste Gedichtsammlung, „Borgin hló / Die Stadt lachte“, erschien 1958 und zeigt ihn als einen Dichter in der unmittelbaren Nachfolge der in meinen Beiträgen bereits mehrfach erwähnten „Atomdichter“; manche rechnen ihn diesen sogar noch zu. Und auch er selbst versteht sich in Teilen seines Schaffens als ein solcher, auch wenn ihn die Integration von Stoffen und Stilmitteln der lyrischen Tradition Islands in die moderne Ausformung stets wichtig geblieben ist.

Blick von Islands Südküste © Wolfgang Schiffer

Blick von Islands Südküste © Wolfgang Schiffer

Matthías Johannessens lyrischer Formenkanon ist groß – er reicht vom aphorismus-gleichen Kurzgedicht bis zur tages- und ereignisbezogenen Langform, in der er häufig sein journalistisches Wirken noch einmal wendet und der puren Faktizität über sie hinausweisende Facetten abgewinnt.

Hiervon zeugt auch das heutige Gedicht, das sich auf die Entstehung der Vulkaninsel Surtsey bezieht. Diese erhob sich am 14. November 1963 infolge einer vulkanischen Ausbruchserie etwa 30 Kilometer vor der Südküste Islands aus dem Atlantik und ist seither die nach Heimaey zweitgrößte der Westmännerinseln und Islands südlichster Punkt.
Entnommen ist das Gedicht der 2011 im Verlag seltmann & söhne erschienenen zweisprachigen Sammlung mit Gedichten von Matthías Johannessen, „Andblær við svanavæng / Windhauch am Schwanenflügel“, ausgewählt und übersetzt von Gert Kreutzer und Sverrir Schopka.

Papageitaucher © Wolfgang Schiffer

Papageitaucher © Wolfgang Schiffer

Arnfögur
er jörðin

Lundinn er seztur að
í Surtsey,

við aðrar aðstæður
en þegar ég var að lýsa
gosinu í Observer,
þá stóð reyksúla
til himins
og hafið sauð
eins og Sóði,

Ísleifur Konráðsson
lýsti eyjunni síðar
eins og erni á eggjum
því hann hafði barnshuga,

nú er Surtsey lundfögur
eins og Heimaey,

þessi ótvíræða jörð
úr ægi,

bíður ótrauð eftir svartsfugls-
eggjagrænu grasi.

Adlerschön
ist die Erde

Der Papageitaucher hat
auf Surtsey Fuß gefasst

unter anderen Umständen
als ich den Ausbruch
im Observer geschildert habe,

damals ragte die Rauchsäule
zum Himmel
und das Meer kochte
wie Sóði,

Ísleifur Konráðsson
verglich die Insel später

mit einem Adler auf seinem Gelege
denn er hatte ein kindliches Gemüt,

nun ist Surtsey so reich an Papageitauchern
wie Heimaey,

diese unzweifelhafte Erde
aus dem Meer,

wartet unverdrossen auf das lummen-
eigrüne Gras.

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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Eine Antwort zu Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (8)

  1. gsohn schreibt:

    Hat dies auf Ich sag mal rebloggt.

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