„Was wir Liebe nennen“

Jo Lendle präsentiert im Literaturhaus Köln seinen neuen Roman

Bücher, wartend © Wolfgang Schiffer

Bücher, wartend © Wolfgang Schiffer

Nun habe ich mir von meiner Arbeit fürs Radio doch eine Auszeit gegönnt und zumindest eine Veranstaltung im Literaturhaus Köln besucht.

Zu Gast war Jo Lendle, designierter Chef des literarisch angesehenen Hanser Verlags, mit seinem neuen, in der Deutschen Verlagsanstalt (DVA) erschienenen Roman „Was wir Liebe nennen“; durch den Abend führte Denis Scheck, der als Literaturkritiker nicht nur die Hörerinnen und Hörer des Deutschlandfunks bereichert, sondern mich und viele andere auch regelmäßig in seiner ARD Büchersendung „Druckfrisch“ anregend durch die jeweils aktuelle Literaturwelt führt.

Denis Scheck verstand es gleich zu Beginn, der Veranstaltung den manchen Lesungen anhaftenden Ton des Weihevollen zu nehmen, indem er, nicht ohne Selbstironie, ein wenig kalauernd anmerkte, das Literaturhaus habe dem Autor wohl einen dicken Scheck in Aussicht gestellt, und nun sitze eben er, Denis Scheck, da auf dem leicht erhöhten Podium. Ähnlich gelassen ging es auch bei seinen ersten Fragen an den Schriftsteller selber zu: Wie dieser die beiden Positionen, die er bekleide, nämlich Verleger und Schriftsteller in einem zu sein, miteinander vereinbaren könne? Wann er überhaupt schreibe? Und schließlich, wenn auch als Frage ein wenig verborgen, warum?

Jo Lendle & Denis Scheck im Literaturhaus Köln © Wolfgang Schiffer

Jo Lendle & Denis Scheck im Literaturhaus Köln © Wolfgang Schiffer

Ein äußerst jugendlich wirkender Jo Lendle ließ sich auf diesen Ton gerne ein: Sein Portfolio sei relativ groß, so dass diese beiden Seiten des Schreibtisches für ihn kein Problem darstellten, er schreibe regelmäßig früh am Morgen eine Stunde und das, um sich selber Geschichten zu erzählen, die ihn überraschten, weil die von ihm erfundenen Figuren durchaus ihre eigenen Wege gingen.

jo lendle buchEine derart auch den Leser überraschende Geschichte erzählt er nun in seinem aktuellen Roman. Lambert, ein Zauberer, ist zu einem Kleinkunstfestival nach Montreal eingeladen, jener Stadt in Kanada, die er nach einer Notlandung im irischen Shannon schließlich auch erreicht. Hier allerdings stößt er mit einem Pick-Up zusammen, gesteuert von der Paläobiologin Felicitas Touchborn, kurz Fe genannt. Die Dame führt Przewalski-Pferde mit sich, jene äußerst rar gewordene Urpferd-Rasse, und gedenkt, diese in der kanadischen Weite auszuwildern. Und Lambert tut es ihnen bald gleich: nur wenige Stunden mit Fe reichen aus, um ihn vor die Frage zu stellen, wie er, fest liiert im deutschen Osnabrück, denn fürderhin zu leben gedenkt…

In Anwandlung eines Zitats aus dem Roman bringt Denis Scheck dessen Kernthema auf den Punkt: Was tun, wenn man die Frau seines Lebens kennen lernt, obwohl man die Frau seines Lebens bereits kennen gelernt hat? Nun, das Dasein ein Zauberers, so Jo Lendle, habe mit dem eines Schriftstellers viel gemein. Beide lebten auch in der Selbsterwartung, alles bewerkstelligen zu können, de facto sei ihr Wirken jedoch begrenzt auf eine überschaubare Anzahl an Tricks. Eines solchen Zauber(haften)Tricks, in der Literatur durchaus wohlbekannt, bedient er sich denn auch, um dem Entscheidungskonflikt und der Liebesdramatik seines Protagonisten die fortwährende Würze zu geben: er erfindet ihm einen Doppelgänger!

Natürlich streifte das zwischen den ausschnittweisen Lesungen eingebettete Gespräch auch den Ausbildungs- und Karriereweg des Autors und kulminierte schließlich, für mich jedenfalls, in der Frage, warum er mit seinem Roman nicht wenigstens auf der Longlist des Deutschen Buchpreises stehe? Ob dies vielleicht damit zusammenhänge, dass er eben doch auch Verleger sei? Jo Lendle wirkt nachdenklich: Nein, die anderen zwanzig Romane seien eben besser gewesen, lässt er schließlich verlauten. Ein derart professionelles Understatement, dessen Wahrheitsgehalt nun die Leser überprüfen müssen, entsprach durchaus der Professionalität dieser Veranstaltung des Literaturhauses Köln insgesamt: Gespräch und Lesung standen in einem dramaturgisch wohl ausgeloteten Spannungsverhältnis; der Abend war kompakt, informativ und sinnlich. Eine Werbung für die Literatur und das Buch.

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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9 Antworten zu „Was wir Liebe nennen“

  1. Petra Wiemann schreibt:

    Jetzt bin ich wirklich sehr neugierig geworden, zumal mir Lendles Roman „Alles Land“ über den Polarforscher Albert Wegener auch schon so gut gefallen hat.

    • schifferw schreibt:

      Liebe Petra Wiemann, ich hoffe, er enttäuscht nicht – er ist natürlich viel „fabulöser“ als „Alles Land“. Gute Grüße Wolfgang Schiffer

  2. dasgrauesofa schreibt:

    Vielen Dank für den schönen Beitrag über die Lesung in Köln, in der ja, neben dem Buch, auch der Autor ein bisschen charakterisiert und Denis Scheck mit seiner wunderbaren Art sehr anschaulich dargestellt wird.
    Viele Grüße, Claudia

  3. buzzaldrinsblog schreibt:

    Lieber Wolfgang,
    ich danke ganz herzlich für diese schönen Eindrücke und den wunderbaren Bericht. Das Buch steht hier schon und wartet darauf, gelesen zu werden. 🙂

  4. gsohn schreibt:

    Hat dies auf Ich sag mal rebloggt und kommentierte:

    Am Samstag startet übrigens unsere Audio-Livestreaming-Sendung Wortspiel-Radio: http://youtu.be/UV2RSFOHkk0

  5. uflorath schreibt:

    Wolfgang es ist/war ein richtiger Genuss deinen Bericht über die Veranstaltung im Literaturhaus Köln zu lesen.

    • schifferw schreibt:

      Danke für das Kompliment, lieber Uwe. Es war aber auch eine gute Veranstaltung – das macht das Schreiben leichter.

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