Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (7)

Meine Reise durch die isländische Poesie

Island, auf dem Land © Wolfgang Schiffer

Island, auf dem Land © Wolfgang Schiffer

Da ich zurzeit an einer recht komplexen Arbeit für das Radio schreibe, bitte ich die Leserinnen und Leser meines Blogs (sowie auch einige Autorinnen und Autoren) um Nachsicht, dass mir Ablenkungsrisiko und Konzentrationsfähigkeit in den kommenden Tagen allenfalls noch einige wenige weitere Streifzüge durch die isländische Dichtkunst erlauben. Der Zuspruch, den diese meine Reise erfährt und für den ich mich auch an dieser Stelle herzlich bedanke, lässt mich aber hoffen, dass man mir diese vorübergehende „thematische Verengung“ verzeiht.

Þorsteinn frá HamriDas heutige Beispiel ist von einem der wohl angesehensten zeitgenössischen Lyriker Islands: Þorsteinn frá Hamri. Er wurde 1938 auf dem Hof Hamar in Þverárhlíð im Borgarfjord im Westen Islands geboren; seinen ersten Gedichtband, „Í svörtum kufli / In einer schwarzen Kutte“ veröffentlichte er bereits mit zwanzig Jahren, noch druckfrisch liegt in den isländischen Buchläden derzeit in einer ebenso aufwändig wie schönen Gestaltung seine wohl zwanzigste Gedichtsammlung aus: „Skessukatlar / in etwa: Kessel der Riesin“. Was seine Poesie neben der Sprachgewalt und der sicheren, starken Metaphorik besonders auszeichnet, ist häufig die formal-ästhetische Verknüpfung der in Island hochgeschätzten lyrischen Tradition mit der Moderne, der Brückenschlag zwischen Altem und dem insbesondere von den isländischen Atomdichtern in der Mitte des letzten Jahrhunderts forcierten Neuen.

Das folgende kurze Gedicht ist dem 2011 im Queich Verlag erschienenen zweisprachigen Auswahlband „Jarðarteikn / Erdzeichen“ entnommen, die Übersetzung ist von Gert Kreutzer, der dieser Veröffentlichung auch ein äußerst informatives Nachwort beigestellt hat.

Island, Flusslauf © Wolfgang Schiffer

Island, Flusslauf © Wolfgang Schiffer


Ísland

Ég vil líkjast þér, land

en sætti mig samt
við mannsgervið og mannshugann –

og víst kvíslast blóðrás mín og kenndir
í líkingu lækja þinna.

Hvað um vor þín
með vatnagangi og skriðuföllum:

hitti þá einhver á æð eða kviku?

Island

Ich will dir gleichen, Land

finde mich freilich ab
mit Menschengestalt und Menschengeist –

und gewiss verzweigen sich mein Blutkreislauf und meine Gefühle
ähnlich wie deine Bäche.

Was ist mit deinem Frühling
mit Hochwasser und Erdlawinen:

traf da jemand eine Ader oder eine Wunde?

Advertisements

Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
Dieser Beitrag wurde unter Übersetzung, Island, Literatur, Lyrik abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (7)

  1. uflorath schreibt:

    Lieber Wolfgang ,
    Wünsche dir frohes, konzentriertes Schaffen.
    Uwe

  2. Pingback: Wortspiel-Radio: Die Premiere morgen, um 17 Uhr | Ich sag mal

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s