Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (6)

Meine Reise durch die isländische Poesie

Island, quer durch © Wolfgang Schiffer

Island, quer durch © Wolfgang Schiffer

Mein (leider relativ kurzer) Islandaufenthalt, von dem ich jüngst zurückgekehrt bin, hat neben vielen neuen Eindrücken und Begegnungen vor allem auch Erinnerungen an frühere Besuche der Insel wach gerufen, die mich noch einmal in alten Fotoalben blättern ließen. Und da mich manche Aufnahmen (trotz ersten Gilbs und auch zerkratzt-gefleckter Negative) zudem an das eine oder andere von mir geschätzte Gedicht denken ließen, bitte ich um Nachsicht, dass – bevor ich mich auch wieder anderen Büchern und Themen zuwende – meine kurzzeitig unterbrochene Blog-Aktivität zunächst mit einem erneuten Poesie-Beitrag aus Islands lyrischer Schatzkammer beginnt, illustriert mit Fotos, denen ihr Alter zweifellos anzusehen ist.

Immer der Küste entlang © Wolfgang Schiffer

Immer der Küste entlang © Wolfgang Schiffer

Das heutige Poesie-Zitat ist von Snorri Hjartarson. Der 1906 geborene Dichter studierte zunächst Kunst in Kopenhagen und Oslo, erkannte aber wohl bald, dass seine eigentliche Begabung in der Literatur lag. Noch in Oslo erschien ein Roman von ihm in norwegischer Sprache, ein Künstlerroman, der durchaus autobiographische Merkmale trägt. Zurück in Island dauerte es allerdings einige Jahre, bis er 1944 einen ersten Gedichtband mit dem schlichten Titel „Kvæði / Gedichte“ publizierte; mit „Á Gnitaheiði / Auf der Gnitaheide“ (1952), „Lauf og stjörnur / Laub und Sterne“ (1966) sowie „Hauströkkrið yfer mér / Herbstdunkel über mir“ (1979) folgten ihm drei weitere Sammlungen. Für die letzte wurde er mit dem Literaturpreis des Nordischen Rates ausgezeichnet. Snorri Hjartarson starb 1986.

Hafen in der Abenddämmerung © Wolfgang Schiffer

Hafen in der Abenddämmerung © Wolfgang Schiffer

Bereits die Gedichte des ersten Bandes machen eine der primären Inspirationsquellen des Autors deutlich: die isländische Natur und deren jahreszeitlich wechselnde Anmutung. Und ganz gleich ob Berge, Seen, Lavawüsten, das Meer oder Wasserfälle, der als „Maler unter den Dichtern Islands“ bezeichnete Lyriker findet für sie alle eine farbenstarke visuelle Sprache, die sie wie ein Gemälde oder eine Szene vor dem Leser aufscheinen lassen.

Bewohnt? Verlassen? © Wolfgang Schiffer

Bewohnt? Verlassen? © Wolfgang Schiffer

Das zitierte Gedicht ist wiederum einer im Buchkunstverlag Kleinheinrich erschienenen Publikation entnommen, dem 1997 von mir und Franz Gíslason zusammengestellten und ins Deutsche übertragenen Auswahlband „Snorri Hjartarson“. Und auch hat Bernd Koberling der literarischen Farbkraft der hierin versammelten Gedichte wieder seine Aquarelle als Korrelate hinzugestellt.

Sumarkvöld

Að norðan rekur brælan úfna bólstra
og bælir þá í hlíðarrótum, lind
og polli svíður súld í fránum augum,
seftjörnin gránar, stráin drúpa þung
og fela sína máðu mynd í gljáum
margbrotnum hringum, þeldökk kónguló
kúrir á votri nöf hjá tómu neti;
niður með ánni flögrar tjaldur heim
í ljána, finnur lítinn dreng í túni
í ljósi horfsins sumars … Rökkrið þéttist
og slitrótt glamur sláttuvélanna þagnar
og slæður regnsins hverfa vöku í draum.
Áin og hjartað syngja sama lag
um sól og blóm, langan og glaðan dag.

Sommerabend

Vom Norden treibt das Wetter Wolkenpolster vor sich her
und webt sie an den Fuß des Hangs, der Quelle
und dem Weiher brennt sprühend Regen in den scharfen Augen,
der Schilfteich graut, schwer neigen sich die Halme
und verstecken ihr verblichnes Bild in glänzenden
gebrochnen Kreisen, eine dunkelpelzige Spinne
schläft auf dem nassen Felsenrand bei einem leeren Netz;
nah beim Fluss flattert ein Austernfischer heim
ins frische Heu, findet einen kleinen Jungen auf der Wiese
im Flimmer des schwindenden Sommers … Die Dunkelheit nimmt zu
und das sprunghafte Schnattern der Mähmaschinen verstummt
und die Schleier des Regens wandeln Wachsein in Traum.
Der Fluss und das Herz singen dasselbe Lied
über Sonne und Blumen, einen langen und fröhlichen Tag.

PS: Die in diesem Beitrag abgebildeten Fotos sind auf einer Reise entstanden, die mich vor vielen Jahren gemeinsam mit meinem Freund Franz Gíslason rund um Island und in einige der inneren Landstriche geführt hat.

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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9 Antworten zu Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (6)

  1. gsohn schreibt:

    Hat dies auf Ich sag mal rebloggt und kommentierte:

    Wolfgang ist wieder da!

  2. gsohn schreibt:

    Tolle Fotos und fantastisch digitalisiert 🙂

    • schifferw schreibt:

      Danke, mein lieber Gunnar! Du hast mir halt eine wunderbare Maschine an die Hand gegeben! Wir sehen uns – ich habe viel zu berichten! Dein Wolfgang

  3. Bernhild Vögel schreibt:

    Velkomin heim mag ich gar nicht sagen, denn ich hätte Dir schon einen längeren Aufenthalt auf Island gewünscht, lieber Wofgang. Die alten Fotos üben einen besonderen Reiz aus und von den Gedichten in Original & Übersetzung kann zumindest ich nicht genug bekommen. Takk fyrir!

    • schifferw schreibt:

      Liebe Bernhild, ja, ich wäre auch gerne noch länger geblieben! Aber dann hätte ich wahrscheinlich die Übersetzung von Jón úr Vörs „Das Dorf“ noch häufiger überarbeitet, heißt, nie zu einem Abschluss gebracht, und hätte statt der 10 Stunden 100 Stunden für das Radiofeature zu den „Atomdichtern“ aufgenommen… Und ich ertrinke doch bereits in dem, was ich habe! Liebe Grüße Wolfgang (mit neuem Namen: Skipherra)

  4. Pagophila schreibt:

    Die Schleier des Regens wandeln Wachsein in Traum… wie auch die Patina den Bildern etwas Traumhaftes verleiht. Insofern passen sie ganz wunderbar.

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