Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (4)

Meine Reise durch die isländische Poesie

Gullfoss © Wolfgang Schiffer

Gullfoss © Wolfgang Schiffer

Mit „Island im September 1951“ kehre ich noch einmal zu einem Gedicht aus der sogenannten Atomdichtung zurück und stelle zugleich einen der auch politisch engagiertesten Dichter dieser modernistischen Bewegung in Island vor: Jón Óskar.

Jón Óskar lebte von 1921 bis 1998, er hatte zunächst Musik und Klavier studiert, wandte sich dann aber dem Schreiben zu und veröffentlichte neben Übersetzungen aus dem Französischen mehrere Kurzgeschichten, einen Roman, eine Autobiographie und vor allem zahlreiche Gedichtbände.

Um das heute zitierte Gedicht in seinem historischen Kontext sehen zu können, ist die nachfolgende Anmerkung vielleicht hilfreich: Island ist seit 1949 Gründungsmitglied der NATO. In diesem Zusammenhang stationierten die Amerikaner, welche die Insel als wichtigen militärstrategischen Punkt bereits während des 2. Weltkriegs völkerrechtswidrig besetzt hatten, dort weiterhin Soldaten und etablierten 1951 in Keflavík eine Militärbasis. Weite Bevölkerungsteile des Landes, das sich als frühere Kolonie erst 1944 endgültig von seinem Kolonialherrn Dänemark lösen konnte und die Republik Island ausrief, waren hierüber äußerst erbittert. In diesem Konflikt, der die junge Nation ebenso spaltete wie die von den „Atomdichtern“ geforderten Neuerungen der traditionell an Edda- und Skaldendichtung orientierten, an festen Metren und Reimschemata gebundenen Poesie, bezieht das Gedicht „Island im September 1951“ Stellung.

Entnommen ist es wiederum dem Band „Bei betagten Schiffen – Islands Atomdichter“, der 2011 in der Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik „die horen“ erschien.
Die Übersetzung ist von Tina Flecken, die auch zahlreiche andere Werke, Lyrik wie Romane, aus dem Isländischen ins Deutsche übertragen hat.

Skulptur bei Skaftafell zur Erinnerung an die Zerstörung der Ringstraße durch den Gletscherlauf 1996 © Wolfgang Schiffer

Skulptur bei Skaftafell zur Erinnerung an die Zerstörung der Ringstraße durch den Gletscherlauf 1996 © Wolfgang Schiffer

Ísland í september 1951

Kyrrlát er septembernóttin
eins og hún vilji ekki trufla þig
svo að þú heyrir f´tatak vinu þinnar
á malbikinu
Kyrrlát er nóttin
og því heyrir þú
fótatak hermannanna
Og þó að hvessti
mundirðu heyra það gegnum stormin
þú mundir heyra járnuð stígvélin
smella á malbikinu
Einn stendur þú og hlustar
Hví eru þeir hér
Fótatak vinu þinnar heyrir þú ekki
því að framandi stríðsmenn
hafa rofið kyrrd næturinnar

Island im September 1951

Still ist die Septembernacht
als wolle sie dich nicht stören
damit du die Schritte deiner Liebsten hörst
auf dem Asphalt
Still ist die Nacht
und deshalb hörst du
die Schritte der Soldaten
Und selbst wenn Wind aufkäme
würdest du es im Sturm hören
du würdest die eisenbeschlagenen Stiefel
auf dem Asphalt knallen hören
Allein stehst du und lauschst
Warum sind sie hier
Die Schritte deiner Liebsten hörst du nicht
denn fremde Truppen
haben die Stille der Nacht durchbrochen

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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7 Antworten zu Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (4)

  1. gsohn schreibt:

    Hat dies auf Ich sag mal rebloggt und kommentierte:

    Rückkehr zu den Atomdichtern

  2. gsohn schreibt:

    Eigentlich wäre es an der Zeit, in Island eine neue Phase der Atomdichtung auszulösen und sich gegen den großen Bruder USA/NSA in Szene zu setzen. Der Protest über die Orwellsche Totalüberwachung ist viel zu ruhig und wabert eher in den Sphären des Digitalen. Ihr Dichter in Island, Deutschland und in anderen Ländern, es riecht nach McCarthy und Watergate. Empört Euch und setzt das Wort als Mittel des Widerstandes ein!

  3. gsohn schreibt:

    Jetzt habe ich auch die Quelle für die Weiterentwicklung des Adorno-Leitsatzes „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ beim großen Frankfurter Soziologen und Philosophen entdeckt:

    „Das einzige, was man vielleicht sagen kann, ist, dass das richtige Leben heute in der Gestalt des Widerstdandes gegen die von dem fortgeschrittensten Bewußtsein durchschauten, kritisch aufgelösten Formen eines falschen Lebens bestünde.“

    Adorno in: Probleme der Moralphilosophie (ich fand das allerdings in einer Sekundärquelle: In dem Protestroman von Friedrich von Borries „RLF – Das richtige Leben im falschen“).

    Man kann es aber auch so formulieren, wie es Guy Debord getan hat in seinem Opus „Die Gesellschaft des Spektakels“: „In der wirklich verkehrten Welt ist das Wahre ein Moment des Falschen.“

  4. schifferw schreibt:

    Lieber Gunnar, herzlichen Dank für diese Quellenangabe, die sich ja vor allem auf deinen Beitrag vom 23. August bezieht:
    http://ichsagmal.com/2013/08/23/auf-der-leimspur-des-sicherheits-anti-terror-geklingels/

    Ich hatte sie so konkret nicht mehr im Kopf! Gute Grüße Wolfgang

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