„Rutkas Tagebuch“

Aufzeichnungen eines polnischen Mädchens aus dem Ghetto

Auszug aus einem Faksimile von "Rutkas Tagebuch"

Auszug aus einem Faksimile von „Rutkas Tagebuch“

Am 9. November 1938 setzten organisierte Schlägertrupps jüdische Geschäfte und Gotteshäuser in Brand. Es ist der Tag, an dem tausende Juden misshandelt, verhaftet oder getötet wurden. Dieser Tag war das offizielle Signal zum größten und schlimmsten Völkermord in der Geschichte der Menschheit.

Bei der Vorbereitung einer Veranstaltung zum Gedenken an dieses als „Reichspogromnacht“ in die Geschichte eingegangene Verbrechen des deutschen Nationalsozialismus, das sich in diesem Jahr zum 75. Mal jährt, habe ich in den letzten Wochen erneut mehrere literarische Dokumente zum Holocaust gelesen: den autobiographischen Auschwitz-Bericht „Ist das ein Mensch?“ von Primo Levi (als Taschenbuch bei dtv), den auf den Erfahrungen des Autors in Auschwitz und Buchenwald aufbauenden „Roman eines Schicksallosen“ von Imre Kertész (als Taschenbuch bei rororo), den KZ-Sachsenhausen-Überlebensbericht des Isländers Leifur Muller „Wohnt hier ein Isländer?“ (edition die horen), das dokumentarische Bühnenwerk zum Auschwitz-Prozess „Die Ermittlung“, in dem Peter Weiss in elf Gesängen die Fakten über diese Hölle auf Erden gestaltet, die in dem von 1963 bis 1965 stattfindenden Prozess zur Sprache kamen (edition suhrkamp).

Natürlich zählte auch „Das Tagebuch der Anne Frank“ (Fischer-Taschenbuch) noch einmal zu meiner Lektüre. Bei meinen Recherchen zu eventuell weiteren veröffentlichten Tagebüchern bin ich dann auf „Rutkas Tagebuch“ gestoßen, das Vermächtnis eines polnischen jüdischen Mädchens aus dem Ghetto in Będzin, das ich wegen seiner anrührenden Eindringlichkeit und des tiefen Einblicks, das es in das Menschen vernichtende Geschehen zu geben vermag, heute jedem, vor allem auch jungen Menschen, zur zusätzlichen Lektüre empfehlen will.

Rutkas TagebuchRutka Laskier ist 14 Jahre alt, als sie am 19. Januar 1943 ihre Tageserlebnisse und –pläne in ein Heft zu notieren beginnt; der letzte Eintrag ist vom 24. April desselben Jahres. Ihre Notizen kreisen vordergründig zumeist um ihre Verabredungen, ihr Hin- und Hergerissensein in der Zuneigung zu Freundinnen und Freunden, insbesondere zu einem Jungen namens Janek, um Fragen, was denn Liebe, was Freundschaft sei … Doch hinter den altersgemäßen Selbsterkundungen und Reflexionen über Mitmenschen und Welt brechen immer wieder Angst und Schrecken auf; der spürbare Lebenswille und die Lebensfreude sind durchdrungen von der Ahnung um die baldige Auslöschung … Sie erfährt nicht nur die wachsende Verfolgung und Ausgrenzung der Juden, sie weiß gar bereits um die Gräueltaten, die den Tod bedeuten.
So notiert sie am 5. Februar:

„Der Kreis zieht sich immer enger. Schon im nächsten Monat soll es ein (…) richtiges Ghetto mit steinernen Mauern geben. (…) Der Funken Glaube, den ich einmal besaß, hat sich inzwischen gänzlich verloren, wenn es Gott gäbe, würde er bestimmt nicht erlauben, dass man Menschen bei lebendigem Leib in den Ofen stößt, dass kleinen Kindern mit dem Karabiner der Kopf zertrümmert wird oder dass man sie in einen Sack stopft und vergast …“

Und später heißt es unter demselben Datum:

„Lachhaft, das ist ja gar nichts, wenn man bloß an Auschwitz denkt …“

Aus der Einleitung zur deutschsprachigen Publikation des Tagesbuchs erfahren wir, dass auch Rutka selbst dieses Schicksal erleiden muss. Zusammen mit ihren Eltern und ihrem jüngeren Bruder wird auch sie nach Auschwitz deportiert. Mutter, Bruder und sie werden sofort in die Gaskammer geführt. Der Vater überlebt die Vernichtung wie durch ein Wunder und gründet nach dem Krieg in Israel eine neue Familie. Rutkas hier geborene Halbschwester Zahava, aus deren Feder auch die Einleitung stammt, hat später die Geschichte der Familie erkundet und die Fakten und Dokumente zusammengetragen. Und wie durch ein weiteres Wunder wurde hierbei während eines Aufenthaltes im polnischen Będzin auch das Tagebuch gefunden, 60 Jahre nach seiner Niederschrift …

Porträt Rutka Laskiers als kleines Kind, Abb. aus dem bespr. Buch

Porträt Rutka Laskiers als kleines Kind, Abb. aus dem bespr. Buch

Erschienen ist „Rutkas Tagebuch“ – in der Übersetzung des 2012 gestorbenen Friedrich Griese und mit einem klugen Nachwort von Mirjam Pressler versehen – 2011 im Aufbau Verlag. Die Ausgabe ist sehr gut ediert, sie enthält zahlreiche Familienfotos und in Faksimile auch vollständig die handschriftlichen Eintragungen der jungen Rutka Laskier, so dass sich jeder Zweifel an dem Wissen einer erst Vierzehnjährigen um die Existenz und die Bedeutung von Auschwitz, von denen später nicht einmal viele Erwachsene etwas gewusst haben wollen, mehr als erübrigt.

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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8 Antworten zu „Rutkas Tagebuch“

  1. gsohn schreibt:

    Hat dies auf Ich sag mal rebloggt.

  2. Pingback: Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag der Reichspogromnacht | Wortspiele: Ein literarischer Blog

  3. Pagophila schreibt:

    Wie lachhaft erscheint da erst die Mär vom Nichtwissen all derer, die darin ihre Zeitzeugenschaft verleugnen… wenn sie nicht so traurig wäre. Sehr berührend diese Sätze einer Vierzehnjährigen!

  4. Pingback: „Rutkas Tagebuch“ | Art & Writing

  5. Ich habe Ihren Artikel „Rutkas Tagebuch“ unter Hinweis auf Ihren blog unter ingerkristinawegener.com „rebloggt“. Vielen Dank für diesen Beitrag.

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