Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (3)

Meine Reise durch die isländische Poesie

Blick vom Hafen auf die Hauptstadt Reykjavík © Wolfgang Schiffer

Blick vom Hafen auf die Hauptstadt Reykjavík © Wolfgang Schiffer

Aus dem heutigen Gedicht habe ich vor nicht allzu langer Zeit bereits einige Zeilen zitiert. Der Anlass war allerdings ein äußerst trauriger; die Zeilen stehen in einem Nachruf auf den Freund und Dichter Baldur Óskarsson. Hierin ist auch mehr über das Wirken und die Bedeutung dieses Lyrikers, den man zu den Nachkommen der „Atomdichter“ zählt, im Spektrum der isländischen Poesie zu erfahren.

Heute nun folgt diesem kurzen Gedenken das Gedicht in Gänze. Entnommen ist es abermals einer Publikation des Buchkunstverlags Kleinheinrich in Münster, dessen Profil sich nicht zuletzt durch die Vermittlung isländischer Lyrik auszeichnet. Der mit Aquarellen von Bernd Koberling illustrierte Band enthält eine Auswahl der Gedichte Baldur Óskarssons und trägt den zweisprachigen Titel „Tímaland / Zeitland“. Die Übertragung des Gedichts erfolgte ebenfalls erneut durch Franz Gíslason und mich.

Islands Südküste bei Vík © Wolfgang Schiffer

Islands Südküste bei Vík © Wolfgang Schiffer

Hóllinn

Hóllinn minn veðraði –
gamalt sker

Þar sem brimaldan söng
heyrist mófuglatíst

Tönn er
úr manni
í sandinum svarta

Hægt

líður tíminn
og hægt
eyðist hóllinn

Holurt í renningi –
rökkvar í hjarta

… Holurt í renningi …
rennur upp sólin
Þú yfirgefur hið liðna hægt
og hægt tognar á strengnum sem bindur þig –
blóðugur ertu

Til laugar gengur þú einn

Der Hügel

Mein verwitterter Hügel –
eine alte Schäre

Wo die Brandungswelle sang
zwitschern Heidevögel

Der Zahn
eines Menschen
im schwarzen Sand

Langsam
verrinnt die Zeit
und langsam
verweht der Hügel

Fliegenblume im Sandflug –
die Sonne geht auf

Du löst dich vom Vergangenen, langsam
und langsam dehnt sich die Schnur die dich bindet –
du bist blutig

Zur Waschung gehst du allein

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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5 Antworten zu Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (3)

  1. Lebensmelodie schreibt:

    Notwendig wäre es, die isländische Literatur auch in deutschsprachigen Gefilden zu etablieren, sie ihrem gebührenden Platze zuzuführen. Leider – wohl aufgrund diverser Faktoren – bleiben uns Verse wie die hier zitierten verborgen, fristen bestenfalls ein Nischendasein in Kleinstverlagen. Es ist kein leichtes Unterfangen, Schätze wie diese ausfindig zu machen. Umso größer der Dank für deine Artikel zum Thema „isländische Dichtung“.

  2. schifferw schreibt:

    Ich danke für die Wertschätzung meiner Artikel zur isländischen Poesie und hoffe, hier noch manche lyrische Beispiele von dieser wortgewaltigen Insel weitergeben zu können – einschließlich der Angaben zu den diversen Publikationen, in denen sie in Übersetzungen erschienen sind.

  3. gsohn schreibt:

    Hat dies auf Ich sag mal rebloggt.

  4. Pingback: Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (17) | Wortspiele: Ein literarischer Blog

  5. Pingback: Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (31) | Wortspiele: Ein literarischer Blog

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