Seitenwechsel

Ein hochverdienter Germanist forscht fiktional …

Korrespondenzen © Wolfgang Schiffer

Korrespondenzen © Wolfgang Schiffer

Viele, die den heutigen Beitrag lesen, werden es sicherlich nachempfinden können: Es ist ein seltsames Gefühl, wenn man plötzlich einen Band mit Gedichten eines der weltweit prominentesten Wissenschaftler und Historiker der deutschsprachigen Literatur in Händen hält, zumal, wenn man auch noch selbst bei diesem studiert hat und, so man denn gewollt hätte, sogar zur Ehre einer Promotion gekommen wäre …

Hinck LebensspurenDer Band, von dem ich spreche, trägt den Titel „Lebensspuren“, erschienen ist er im Bouvier Verlag in Bonn, und sein Autor ist kein Geringerer als der große Germanist und Publizist Walter Hinck. Bereits während seiner von 1964 bis 1987 anhaltenden Lehrtätigkeit an der Universität zu Köln hat er der heute 91-Jährige ein umfangreiches Werk vorgelegt, nach seiner Emeritierung hat er die Schlagzahl seiner Veröffentlichungen gar noch einmal kräftig erhöht. Wer mag, kann sich in diesen Zeugnissen eines ebenso profunden literarischen Urteilsvermögens wie einer tiefen Liebe zur Literatur kundig machen über verschiedene literarische Epochen und Genres, über „Selbstbildnisse“ und „Selbstannäherungen“ von Poeten und Romanciers, über Theater-Dramaturgie und deutschsprachige Exillyrik usw., aber auch über einzelne Giganten der Literatur wie Heinrich Heine oder Bertolt Brecht. Das Interesse Walter Hincks galt und gilt jenseits seiner Forschungsarbeit jedoch immer auch der Gegenwart und deren Literatur; zahlreiche Essays, Laudationes und Rezensionen von Neuerscheinungen in namhaften Feuilletons unserer Zeitungswelt zeugen davon, und ich erinnere nicht eine, bei welcher der Daumen des Kritikers Hinck selbst im Fazit abschließend nach oben oder nach unten gewiesen hätte: Für seine Annäherung an Literatur benutzte er, um im Bild zu bleiben, stets die ganze Hand, legte sie behutsam auf das gesamte Werk und ließ die Finger in wohlwollender, kritischer Fairness über etwaige Furchen, Rillen und Risse gleiten, um so dem Autor wie dem Leser gleichermaßen im punktuell zu konstatierenden Scheitern nicht die Freude an seinem produktiven Tun oder die Lust auf die eigene Entdeckung zu nehmen. Dass er bei solch anhaltender Neugier auf Neues und einer solchen Haltung im Umgang damit auch zum Förderer manch eines jungen Autors wurde, bestätige ich gerne aus eigener Erfahrung.

Hinck im Wechsel der Zeiten Hinck 1922

Mit seiner äußerst lesenswerten Autobiographie „Im Wechsel der Zeiten. Leben und Literatur“, die 1998 ebenfalls im Bouvier Verlag erschien und ebendort gut zehn Jahre später um die biographischen Skizzen „Jahrgang 1922“ erweitert wurde, zeigt sich dann bereits eine weitere Leidenschaft des Germanisten Walter Hinck: die des Erzählens. Aber würde sie so weit gehen, dass sie sich auch an fiktionalen Texten mit erfundenen Handlungen erproben wollte? Und ob! Auf einer Grußkarte mit der für ihn typischen Miniatur-Handschrift kündigte er mir seinen Seitenwechsel an: „Ich werde mich in den nächsten Monaten mit etwas melden, was Du von Deinem „Magistervater“ wahrscheinlich gar nicht vermutet hast: eigene Erzählungen.“

˛ˇDie Erzählungen, drei Stück an der Zahl, erschienen unter dem Titel „Die letzten Tage in Berlin“, und das literarische Debüt des nunmehr beinahe 90-Jährigen ist alles andere als eine Probe. Es geht in ihnen um Vergangenheit, ja, aber eine allein altersbefrachtete Rückschau sind sie nicht. Im Gegenteil, ebenso historisch präzise wie elegant erzählt thematisieren sie das Hineinwirken von Vergangenheit, insbesondere der nationalsozialistischen, und vergessen Geglaubtem in die Gegenwart der handelnden Charaktere – und von den Chancen, die sich für diese durch eben dieses, zunächst schmerzvolle Hineinwirken auftun. Paul Michael Lützeler bescheinigte in einer Kritik für den Deutschlandfunk der titel-gebenden Erzählung gar, dass sie „von einer Spannung und erzählerischen Kraft (sei), dass sie das Zeug dazu (habe), einmal in eine Sammlung von ‚Meisternovellen‘ der deutschen Literatur einzugehen.“

Und nun Gedichte! Bereits in einem kurzen Vorwort macht Walter Hinck allerdings deutlich, dass die 32 Gedichte und Glossen, die der Band „Lebensspuren“ versammelt, nicht aus der jetzigen, ja nicht mal aus der jüngsten Zeit stammen: sie sind poetische Spuren von Lebensstationen einer Vergangenheit, in welcher der Autor noch das später nicht mehr empfundene Bedürfnis hatte, sich in Versen seiner Existenz zu vergewissern und die jeweilige Gegenwart anzueignen – Gefangenschaft, Studienzeit, erste Jahre seiner Lehrtätigkeit.

Zwei Zitate mögen das Spektrum dieser kleinen Sammlung, die mir auch ein liebes Erinnerungsstück an meinen alten Professor ist, vom eher traditionellen Vers bis zum satirischen Aphorismus charakterisieren.

Mittherbst

Noch feiert der Mittag. Aber schon kühler
streifen die Winde von den entblößten
Feldern. Die immer noch werbende
Sonne sie lügt.
Uns fröstelt. Und stiller,
verlorener fügt
sich eine sterbende
Hoffnung erneutem Vertrösten.

1968

Die Revolution in unserem Staat
Fällt aus. Das „Proletariat“
ist heutzutage akademisch.
Drum bleibt die Revolution auch nur polemisch.

Nun ja, so ganz Unrecht, lieber Freund, hattest Du mit den letzten Zeilen ja durchaus nicht …

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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Eine Antwort zu Seitenwechsel

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