„Literaturdialoge“: ein nachahmenswertes Kulturprojekt

In meinem Beitrag „‘628 – E8′: Ein Roman? Oder was?“ habe ich im Zusammenhang mit der Übersetzungsförderung dieses Werks durch die Kunststiftung NRW einen eventuellen Nachtrag in Aussicht gestellt; heute kann ich diesen liefern. Und das tue ich sehr gerne, gibt mir dies doch nicht nur die Möglichkeit, auf eine nachahmenswerte kulturpolitische Leistung hinzuweisen, sondern darüber hinaus auch noch an einige literarische Werke zu erinnern, deren Lektüre, sofern noch nicht erfolgt, ich gerne empfehle.

© Wolfgang Schiffer

© Wolfgang Schiffer

Die folgenden Informationen verdanke ich insbesondere einer Quelle erster Hand, nämlich Regina Wyrwoll, von 2001 bis 2011 Generalsekretärin und geschäftsführender Vorstand der Kunststiftung NRW in Düsseldorf und in diesen Funktionen Initiatorin des Projekts „Literaturdialoge“, das 2007 anlässlich der NRW-Kulturtage in Paris vorgestellt wurde.

Was verbirgt sich dahinter? Bereits während ihrer vorherigen Tätigkeit in der Zentrale des Goethe-Instituts in München hatte die Kunsthistorikerin und Kennerin der französischen Literatur festgestellt, dass die gegenseitige Übersetzungstätigkeit zwischen Deutschland und Frankreich, abgesehen von relativ marktgängigen Buchtiteln, nachgelassen hatte. Da lag es für sie nahe, dem zumindest in den Möglichkeiten ihres neuen Wirkungsbereiches etwas entgegenzusetzen. Zusammen mit den Bibliothekarinnen der Goethe-Institute in Paris und Bordeaux suchte sie jeweils zwei literarisch engagierte Verlage in Frankreich und in NRW. Die Wahl fiel auf die französischen Verlage Quidam Editeur und Attila sowie auf den Weidle Verlag in Bonn und den Lilienfeld Verlag in Düsseldorf. Der Deal: pro Verlag finanziert die Kunststiftung NRW die Übersetzungskosten von jeweils bis zu sechs literarischen Werken jenseits des Mainstreams aus dem Deutschen ins Französische und umgekehrt und mindert so das Risiko der Publikation.

Dieser Förderung verdankt das deutsche Lesepublikum nun nicht nur die endlich erfolgte Veröffentlichung von Octave Mirbeaus „628 – E8“, die Liste der durch diesen Akt des Kulturaustauschs möglich gewordenen Titel ist insgesamt beachtlich, hierzulande wie auch in Frankreich.

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So veröffentlichte der Verlag Attila bislang vier Romane von Edgar Hilsenrath; „Fuck America“ war 2009 gar das erste publizierte Buch des gerade gegründeten Verlags überhaupt. Es folgten bislang „Le Nazi et le Barbier / Der Nazi und der Friseur“, „Nuit / Nacht“ und „L´orgasme à Moscou / Moskau“. Die Übersetzung des äußerst lesenswerten Romans „Der Nazi und der Friseur“, einer Groteske über den Holocaust, in der ein SS-Massenmörder nach dem Zusammenbruch des „Dritten Reichs“ eine jüdische Identität annimmt und nach Israel auswandert, um der Verfolgung in Deutschland zu entgehen, führte in Frankreich zum literarischen Durchbruch des deutsch-jüdischen Schriftstellers.

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Quidam Editeur startete die „Literaturdialoge“ mit der Übersetzung des Romans „Les Inachevés / Die Unvollendeten“ von Reinhard Jirgl und machte damit diese wichtige Stimme der deutschsprachigen Literatur erstmals in Frankreich bekannt. Es folgten das Kultbuch „Rom, Regards / Rom, Blicke“ von Rolf Dieter Brinkmann, Christoph Meckels „Portrait Robot: Ma Mére /Ma Pére / Suchbild“ sowie mit “„Renegat, roman du temps nerveux / Abtrünnig. Roman aus der nervösen Zeit“ ein weiteres Werk von Reinhard Jirgl. Für 2014 ist die Publikation der Übersetzung von Michael Lentz´ „Muttersterben“ geplant.

Und in Deutschland?

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Im Lilienfeld Verlag erschienen Jacques de Lacretelles berühmtestes, den Antisemitismus geißelndes Werk „Silbermann“, Solange Fasquelles auf einem wahren Kriminalfall im Marseille der 20er Jahre beruhender, doch bis dahin nicht übersetzter Genre-Klassiker „Trio Infernal“, Jacques Rivières Erinnerungen und Betrachtungen eines Kriegsgefangenen „Der Deutsche“, in denen er, gestützt auf sein Kriegstagebuch aus den Jahren 1914 bis 1917, ein psychologisches Porträt des deutschen Charakters erstellt, und schließlich zwei Werke des 1954 verstorbenen Emmanuel Bove: der erstmals übersetzte Roman „Un Raskolnikoff / Die Schuld“ und, ebenfalls erstmals in kompletter Übersetzung, der Erzählungsband „Monsieur Thorpe“, zu Deutsch „Begegnung“.

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Der Weidle Verlag schließlich hat derzeit vier Werke im Kontext dieser Fördermaßnahme der Kunststiftung NRW veröffentlicht: „Psst“, die Geschichte einer Kindheit von Raymond Federman, die Romane „Freund Butler“ von Jérôme Lafargue und Natalie Kupermans „Frühstück mit Mick Jagger“ sowie – aktuell – Octave Mirbeaus anarchisches Œuvre „628 – E8“.

In der Summe, so Regina Wyrwoll, erweisen sich die „Literaturdialoge“ als ein äußerst erfolgreiches Projekt (und dem kann und will angesichts der Titelliste und der zumeist auch optisch ausgesprochen guten Gestaltung der einzelnen Bücher wohl niemand widersprechen); die Rezeption der übersetzten Titel, sowohl mit Blick auf die Zahl der Leser als auch auf die Wahrnehmung durch die Presse, sei in Frankreich allerdings intensiver verlaufen als hierzulande die der Titel französischer Provenienz. Als Ausnahme mögen Emmanuel Boves Bücher gelten; zumindest sein Roman „Schuld“ ist derzeit vergriffen. Wie auch immer, im deutsch-französischen Vergleich gilt es einiges nachzuholen, liebe Leserinnen und Leser der „Wortspiele“! „628 – E8“ wäre dazu ein guter Anfang! Aber dessen Lektüre sollte nicht das Ende sein…

Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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6 Antworten zu „Literaturdialoge“: ein nachahmenswertes Kulturprojekt

  1. gsohn schreibt:

    Hat dies auf Ich sag mal rebloggt.

  2. b.pfletschinger@t-online.de schreibt:

    Lieber Wolfgang,

    das schöne Thema könnte ich doch mal Mosaik / Resonanzen oder Scala vorschlagen, oder? Mit einem Interview mit Dir im Beitrag…

    Herzlich

    Von: „Wortspiele: Ein literarischer Blog“

    • schifferw schreibt:

      Lieber Berndhard, ich würde eine weitere Kommunikation durch die genannten Medien sehr begrüßen – vielleicht fördert dergleichen ja die Initiierung ähnlicher Kulturprojekte! Allerdings stelle ich anheim, ob ich der richtige Gesprächspartner bin … Vielleicht sollte man einen der Verleger mit seinen Erfahrungen einbinden…
      Herzliche Grüße Wolfgang

  3. Regina Wyrwoll schreibt:

    mein lieber wolfgang, nun habe ich ganz rote ohren… das hast du sehr gut gemacht! 1000 dank! irgendwie lag mir das sehr am herzen, dass das nicht einfach untergeht. ich habe mich in der stiftung wirklich bemüht, anständige sachen zu machen, weiss gott, auch wenn nicht alles gelungen ist. vielleicht fühlen sie sich ja nun bemüßigt, etwas ähnliches weiter zu machen, das wäre mal ne sache! immerhin werden sie 2014 25 jahre alt und wollen prunken! du bist ein wahrer schatz, du und marketa, meine ich! bettina hat mich heute informiert, dass das lithaus nun erstmal in der schönhauser strasse bleibt – und dass andere optionen zumindest noch nicht ausgeschlossen sind: super gut! ich bin sowieso davon überzeugt, dass diese „krise“ eine tolle chance bedeutet! und sie hat schon viel positives, z.b. bei der stadt aber auch im vorstand und kuratorium bewirkt. ganz leise sage ich es nochmals in dein ohr: ich war immer gegen den kkv, habe mich aber der (männlichen) mehrheitsmeinung im kuratorium gebeugt, wie man das als gut erzogenes mädchen nun mal tut. so schön das strukturell schien, es wäre immer eine unerfreuliche sache geblieben. das ist ein komischer verein, glaube mir, da ziehen viele in ganz unterschiedliche richtungen ihre strippen… viel besser unabhängig sein! ich zünde für das lithaus eine kerze an, in der dorfkirche von uffing am staffelsee, wohin wir am 8.8. fahren, dann nach wien und den semmering zu einer tagung, wo wir das geld für den urlaub verdienen und dann mal sehen. wir kommen ungefähr am 18.8. zurück. wir fahren andreas‘ neues auto spazieren… alles liebe und schöne grüße an deine gattin regina

    Regina Wyrwoll ARCultMedia GmbH Director Arts Projects / International Relations Sürther Hauptstr. 76 D-50999 Köln Tel/Fax: +49-(0)2236-5097972 mobil: +49-(0)177-7411946 http://www.arcultmedia.de

    • schifferw schreibt:

      Liebe Regina, ich kann Dir nur zustimmen: eine Wiederaufnahme solcher Aktionen wie die „Literaturdialoge“ wäre mehr aus wünschenswert und würde helfen, manch einen literarischen Schatz zu heben! Euch beiden nun einen guten Urlaub! Herzlich Wolfgang

  4. Pingback: Eigentlich Heimat & stadtlandfluss | Wortspiele: Ein literarischer Blog

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