Zum Tod des Lyrikers Rolf Haufs

Eine Auswahl der Lyrik-Bände von Rolf Haufs © Wolfgang Schiffer

Eine Auswahl der Lyrik-Bände von Rolf Haufs © Wolfgang Schiffer

Rolf Haufs, einer der bedeutendsten deutschen Lyriker des 20. Jahrhunderts, ist tot. Wie die Akademie der Künste, deren Mitglied er seit 1987 war, mitteilte, starb der gebürtige Düsseldorfer am vergangenen Freitag im Alter von 77 Jahren in Berlin. Rolf Haufs war in den 60er Jahren Mitglied der Gruppe 47. Von 1970 bis 1996 gehörte er dem PEN-Zentrum der Bundesrepublik Deutschland an. Neben zahlreichen Gedichtbänden, die von seinem poetisch-seismographischen Blick auf die Welt und die Dinge darin zeugen, veröffentlichte er auch Prosa, Kinderbücher und Hörspiele. Außerdem arbeitete er als Literaturredakteur beim ehemaligen Sender Freies Berlin und leistete eine enorme Vermittlungsarbeit, vor allem auch für Autoren der DDR.

Mich berührt sein Tod, denn ich schätze nicht nur sein eher stilles lyrisches Werk, das wieder und wieder zu lesen ich dringend empfehle, auch verbinden mich manche persönliche Begegnungen mit ihm, die ihn mir stets in eindrücklicher Erinnerung halten werden.

Das Kölner Treffen in der isl. Zeitung Dagvísir, v.l.n.r. Rolf Haufs, Ursula Krechel, Jürgen Becker, Friederike Roth, Arthúr B. Bollason, Johann P. Tammen, Eysteinn Þorvaldsson, Franz Gíslason, Wolfgang Schiffer

Das Kölner Treffen in der isl. Zeitung Dagvísir, v.l.n.r. Rolf Haufs, Ursula Krechel, Jürgen Becker, Friederike Roth, Arthúr B. Bollason, Johann P. Tammen, Eysteinn Þorvaldsson, Franz Gíslason, Wolfgang Schiffer

Am deutlichsten in Erinnerung ist mir eine Begegnung anlässlich der Auswahl und Vorbereitung zu einer Lyrikanthologie, die ich 1989 zusammen mit meinem inzwischen gestorbenen isländischen Freund Franz Gíslason in Island herausgeben konnte. Erstmals wurde mit diesem Band eine größere Auswahl zeitgenössischer Gedichte deutschsprachiger Autorinnen und Autoren in isländischer Übersetzung bekannt gemacht. Rolf Haufs war einer der insgesamt zwanzig vorgestellten Lyriker – und er war einer der fünf von ihnen, die sich seinerzeit im Vorfeld der Publikation zu einem Arbeitsgespräch und Erfahrungsaustausch mit ihren isländischen Übersetzern in Köln trafen. Ich bin sicher, nicht nur ich erinnere mich gerne an die ebenso zurückgenommene wie präzise Art seiner Beiträge zu Deutungs- und Übersetzungsfragen, an seine freundschaftliche Kollegialität und sein tiefes Interesse an Poesie der anderen in unserem Kreis.

Und es brannten die BäumeIm Ergebnis trägt die damals vorbereitete Anthologie den Titel „Og trén brunnu“ – zu Deutsch „Und es brannten die Bäume“. Heute scheint es mir geradezu folgerichtig, dass diese Zeile einem Gedicht von Rolf Haufs entnommen ist, erschienen in dem Band „Auf der Straße nach Kohlhasenbrück“ (1962).

Zu seinem Gedenken will ich das Gedicht hier in Gänze zitieren.

Niederrheinische Ebene

Schön ist der Fluß unter der Pappelschnur
Und die leuchtenden Wiesen und von den Ängsten
Blieb nichts und den Stürmen die kamen über Tag
In der Nacht und die Nächte zerbrachen und es
Brannten die Bäume über Tag in der Nacht
Und kein Webstuhl blieb heil über Tag
In der Nacht

Ebene von Strom geborgen in Licht
Unter dem Meerwind die heitere Sonne
Und beim Distelholz der lohende Mohn und
Die Schatten die Schatten an den Nachmittagen
Und schon bald kommt die Nacht

Geschändet die Erde geschändet der Tag
Geplagt das Holz unter den hohen Firsten
Wenn der Sturm kommt der Sturm in die Städte
Und die Furcht kommt die Furcht und die Kähne
Beladen mit Furcht und die Kähne beladen
Mit Sturm und beladen mit Furcht

Und schön ist der Fluß und die Pappelschnur
Und der Meerwind die heitere Sonne
Der lohende Mohn beim Distelholz
Und die langen Schatten und die Schatten
Die Schatten an den langen Nachmittagen

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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7 Antworten zu Zum Tod des Lyrikers Rolf Haufs

  1. gsohn schreibt:

    Hat dies auf Ich sag mal rebloggt.

  2. Volksbestattung schreibt:

    Ich möchte hiermit mein Beileid für alle Angehörigen aussprechen. Ein tolles Gedicht, welches du hier zum Gedenken veröffentlicht hast.

  3. schifferw schreibt:

    Danke! Rolf Haufs war ein großartiger Lyriker – seine Gedichte bleiben uns zum Glück für immer…

  4. Pingback: In Memoriam: Rolf Haufs | Wortspiele: Ein literarischer Blog

  5. versspielerin schreibt:

    auch hier noch mal ein „danke“ für diesen wunderbaren persönlichen nachruf.
    ja, er war einer der ganz großen!
    mit liebem gruß
    diana

  6. schifferw schreibt:

    Das sehe ich auch so! Als Mensch und mit seinem Werk!

  7. inge voncon schreibt:

    Heidelberg ja, er dachte er sollte mit seinem leben die lyrische sprache erneuern.

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