Wenn aus Bello Lumpi wird…

Michail Bulgakows „Das hündische Herz“ in neuer Übersetzung

© Wolfgang Schiffer

© Wolfgang Schiffer

In meinem Beitrag „Vom Übersetzen und Neuübersetzen“ habe ich bereits andeuten können, welches Lesevergnügen uns Alexander Nitzberg 2012 mit seiner Neuübersetzung von Michail Bulgakows Roman „Meister und Margarita“ beschert hat; nun, nur ein Jahr später, überrascht er uns mit seiner ebenfalls im Galiani Verlag veröffentlichten Neufassung der Erzählung „Das hündische Herz“, die wie der zuvor genannte Klassiker der russischen Moderne den Kultstatus des 1891 in Kiew geborenen Schriftstellers begründet.

Cover "Das hündische Herz"Professor Filipp Filippowitsch Preobraschenski, eine Koryphäe der Chirurgie, nimmt einen Straßenköter bei sich auf, doch weniger aus Mitleid denn aus experimenteller Leidenschaft: Er packt den Streuner auf den OP-Tisch, tauscht dessen Hunde-Hoden gegen die eines vor wenigen Stunden gestorbenen Menschen aus und die Hirnanhangdrüse gleich dazu. Auf diese Weise erhofft er sich Erkenntnisse darüber, ob und welche Möglichkeiten es zur Verjüngung und Verwandlung des Menschen gibt. Das Experiment gelingt. Gerade einmal zwei Wochen nach der OP spricht der Hund, der bald als Mensch auf den Namen Polygraph Polygraphobitsch Lumpikow hören wird, sein erstes Wort, doch ein Prototyp des zur Entstehungszeit der Erzählung (1925) nicht nur im Sowjetreich politisch gewollten „Neuen Menschen“ wird er damit noch längst nicht. Im Gegenteil: Getreu dem Untertitel der Erzählung, „Eine fürchterliche Geschichte“, ist Lumpi tatsächlich ein wahrer Lump, bösartig und skrupellos.

Primär wohl als beißende Kritik am Bolschewismus gedacht (die Erzählung konnte daher erst 1987 in der Sowjetunion erscheinen), wendet sich „Das hündische Herz“ zeitlos gegen jegliche Ideologie, Religion und was auch immer, das sich eine „Verwandlung des Menschen“ auf die Fahne schreibt. Allein schon das macht das Buch noch heute und für alle Zeit wirklich lesenswert. Darüber hinaus jedoch ist seine Verbindung von grotesk Phantastischem und zeitkritisch Realem ein Sprachfeuerwerk der Erzählkunst, wortgewaltig und voller klanglicher Finessen. Es ist wahrlich eine Freude zu lesen, wie Alexander Nitzberg, der seiner Neuübersetzung im Übrigen ein Typoskript letzter Hand zugrunde gelegt hat, der Mehrstimmigkeit des Textes, den Satzrhythmen, den Stab- und Binnenreimen usw. nachspürt und zu Übertragungen findet, die einen glauben machen könnten, das Werk sei original in unserer Sprache geschrieben. Und dass er die Erzählung, wo angebracht, auch noch kommentiert und mit einem Nachwort versehen hat, erhöht den Genuss des Rezipienten.

Michail BulgakowAbschließend will ich gerne noch auf ein Buch der 2002 gestorbenen Literaturhistorikerin Elsbeth Wolffheim über Michail Bulgakow bei rororo hinweisen; meine eigene Lektüre liegt allerdings bereits einige Jahre zurück, so dass es durchaus sein kann, dass diese Monographie nur noch antiquarisch zu beziehen ist.

Advertisements

Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
Dieser Beitrag wurde unter Übersetzung, Literatur, Prosa abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Wenn aus Bello Lumpi wird…

  1. Ulli schreibt:

    Es ist grandios, was Nitzberg da mit Bulgakow macht. Kann man ihn bitte überreden, auch „Die verhängnisvollen Eier“ neu zu machen? Bitte bitte!

  2. gsohn schreibt:

    Hat dies auf Ich sag mal rebloggt.

  3. Pingback: Die verfluchten Eier | Wortspiele: Ein literarischer Blog

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s