Nimm dich vor den Hunden in acht

Ivan Klímas Debütroman in deutscher Übersetzung

Wer hört zu? © Wolfgang Schiffer

Wer hört zu? © Wolfgang Schiffer

Bei einem Blick über eines meiner Bücherregale blieb dieser heute Morgen in der „tschechisch-slowakischen Abteilung“ an einem Buch hängen, das ich u. a. bereits einmal für die Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik „die horen“ besprechen konnte, hier aber noch nicht vorgestellt habe. Und das will ich gerne nachholen, denn ich hielt sein Erscheinen im vergangenen Jahr für einen Glücksfall und tue dies immer noch…

Ivan Klíma ©Maria Hammerich-Maier

Ivan Klíma ©Maria Hammerich-Maier

Die Rede ist von Ivan Klímas Roman „Stunde der Stille“, erschienen 2012 im Transit-Verlag. Ich sagte damals, dass der demnächst 82-jährige tschechische Autor und sein Werk hierzulande bald vielleicht gänzlich in Vergessenheit geraten wären, hätte uns nicht diese erstmals ins Deutsche übertragene Publikation seines 1963 erschienenen belletristischen Erstlingswerks an das beeindruckende, kraftvoll-literarische Können dieses Schriftstellers erinnert. Ob sein Erscheinen, manch gute Kritiken und eine Platzierung auf der SWR-Bestenliste, die das Buch seinerzeit erhielt, meine Befürchtung obsolet gemacht und tatsächlich auch zu einer erneuten oder erstmaligen Lektüre seiner früheren Romane wie „Liebe und Müll“ oder „Warten auf Dunkelheit, Warten auf Licht“ geführt hat, weiß ich natürlich nicht zu sagen, lohnen würde es sich allemal – in jedem Fall aber lohnt die Lektüre seines Debüts.

„Stunde der Stille“, von Maria Hammerich-Maier mit sicherem Gespür für Ivan Klímas Sprache übersetzt und mit einem klugen, biografisch und zeitgeschichtlich einordnenden Nachwort versehen, umfasst die Zeit von den letzten Kriegsmonaten bis zum Beginn der 50er Jahre. Ort des Geschehens ist ein kleines Dorf im ost-slowakischen Grenzgebiet, dessen Bewohner die Gräuel der faschistischen Besatzung und marodierender slowakischer Schwarzhemden ebenso erdulden müssen wie die anhaltenden Überschwemmungen des Flusses, die sie in einem stetigen Überlebenskampf gefangen halten.
Hierhin treibt es Martin Petr, Bauingenieur und Landvermesser, der sich nach der Ermordung seiner ersten großen Liebe, einer Widerständlerin, der kommunistischen Erneuerungsbewegung anschließt und seinen Beitrag leisten will zum Aufbau einer freien und gerechten Gesellschaft.

Wer auf der Basis dieser Ausgangssituation allerdings einen sozialistischen Aufbauroman erwartet, wie ihn vielleicht auch das Entstehungsdatum und Ivan Klímas damalige Zugehörigkeit zur Kommunistischen Partei nahe legen könnten, der wird bestens überrascht. Nicht eine der Figuren in dem breit gefächerten Personenspektrum kommt absichts- oder gar ideologiebeladen daher; es scheint vielmehr, als habe der Autor sie gar nicht erfunden, sondern in all ihrer jeweils individuellen existentiellen Dramatik nur gefunden und sie im Vermögen seiner dichterischen Kraft sodann mit dem historischen Geschehen und den Gewalten der Natur verwoben.

Cover Ivan KlímaTatsächlich kennt Klíma die Menschen und die Region: 1958 war er dort im Auftrag der Literaturzeitschrift „Literární noviny“ zu Recherchen für eine Reportage-Reihe unterwegs; diese verarbeitete er zunächst auch zu einem Filmskript und schließlich zu dem vorliegenden Roman, der anders als das Filmprojekt die Zensur passieren konnte.
Und so begegnen wir heute den Menschen, die der Autor damals getroffen haben mag: dem alten Laborecký, den die Faschisten wegen seiner pazifistischen Gesinnung verschleppen, der alten Jurcova, der die Kommunisten ihr unter Mühen wiedererrichtetes Heim nehmen, dem Priester, der an seinem Glauben zweifelt, weil er aus Angst vor den Schwarzhemden zum Verräter wurde, Smoljak, dem alten Partisanen, der wegen dieses Verrats seine Familie verlor, und neben vielen anderen schließlich Michal Šeman, Sohn eines Kleinbauern, der zu einem despotischen Parteikarrieristen wird.
Und eben Martin Petr, dem Städter, der ebenso naiv wie aufopferungsbereit an eine bessere Weltordnung glaubt und dabei nicht nur an der Willkür und Korruption des neuen Systems scheitert, sondern mehr noch an dem beinah archaischen Zweifel der meisten Dorfbewohner an einer neuen Heilslehre und jeglichem Fortschritt.
Begegnen sie ihm bei seiner ersten Rede, in der er sie von seinem Projekt eines Deichbaus gegen die Wasserfluten überzeugen will, noch mit lastender Stille, so hetzen sie zum Schluss die Hunde auf ihn.

„Ich dachte, ich könnte den Menschen helfen, glücklich zu werden“, fasst seine Frau, eine linientreue Lehrerin, seine und ihre eigene Desillusionierung am Ende zusammen. Ivan Klíma, der später wegen seiner kritischen Haltung aus der kommunistischen Partei ausgeschlossen wurde und Publikationsverbot erhielt, muss das schon im Keim des Systems und in dessen Widerspruch zur menschlichen Natur angelegte Scheitern früh geahnt haben: sein Roman zeugt davon in ebenso realistischer wie poetisch wuchtiger Weise.

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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4 Antworten zu Nimm dich vor den Hunden in acht

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  2. Pingback: Aufenthalt in Prag… | Wortspiele: Ein literarischer Blog

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  4. gsohn schreibt:

    Hat dies auf Ich sag mal rebloggt.

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