„Mein Gegner ist die Sprache…“

Er war streitbar und gibt Anlass zu Streit: Kritik und Forschung jedenfalls sind sich in der Frage, ob Ernst Jünger, zu dem ich heute ein „Rauchzeichen“ geben will, als intellektueller Wegbereiter des Nationalsozialismus gelte oder allenfalls am Rande eines reaktionären Spektrums zu sehen sei, nach wie vor nicht einig.

Fakt ist, dass der 1895 in Heidelberg geborene Schriftsteller sich 1913 noch als Gymnasiast aus seinem bürgerlichen Umfeld in die französische Fremdenlegion flüchtet und sich, dort von seinem Vater ausgelöst, nur wenige Monate später, kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, als Kriegsfreiwilliger meldet. Fakt ist auch, dass er in seinem publizistischen Frühwerk nationalrevolutionäre, anti-demokratische Ideen vertritt, von einer möglichst weitgehenden Militarisierung aller Lebensbereiche schwärmt und sich politisch als erbitterter Gegner der Weimarer Republik erweist; eine politische Vereinnahmung durch den Nationalsozialismus (die NSDAP bot ihm zwei Mal erfolglos ein Reichstagsmandat an) lehnt er jedoch ebenso entschieden ab wie später, nach dem Zweiten Weltkrieg, ein Ausfüllen des Entnazifizierungsfragebogens der Alliierten.

Nicht wenige sind der Meinung, dass die Bedeutung Ernst Jüngers, der militärisch hochdekoriert und mit vielen Literatur- und Kulturpreisen ausgezeichnet 1998 im Alter von 102 Jahren starb, nicht zuletzt in seiner Umstrittenheit gründet – und ich muss gestehen, auch ich habe, trotz späterer Forschungsansätze, die nicht nur die literarische Ästhetik seines Schaffens in den Fokus stellen, sondern auch seine späteren politischen Ansichten neu verorten, ich habe die Ambivalenz gegenüber seinem Werk (soweit es mir mit „In Stahlgewittern“, Auszügen aus dem „Kriegstagebuch 1914 – 1918“ und vereinzelten Essays bekannt ist) für mich bislang nicht auflösen können, wissend, dass mir dies womöglich den Blick auf sein Gesamtwerk, vor allem auf das fiktionale verstellt.

Zu heroisch, bisweilen herrisch-elitär kommt mir manches daher, und diese Haltung in Einklang zu bringen mit der Leidenschaft für Insekten-, insbesondere Käferkunde, die er besaß (da liegt mir Vladimir Nabokows Vorliebe für Schmetterlinge schon näher), oder gar mit seinem experimentellen Drogengenuss fällt mir nicht immer leicht.

Ernst Jünger Mein Gegner ist die Spracheer
Zu vielen Facetten seines Denkens und Wirkens kann man Ernst Jünger neuerdings jedoch selbst hören, und zwar im Original-Ton. Es ist das Verdienst des Hörbuchverlags Brigade Kommerz und dessen Herausgeber Robert Eikmeyer und Thomas Knoefel nahezu die gesamten von Jünger noch existierenden Tonaufnahmen in den Archiven der Rundfunkanstalten und des Deutschen Literaturarchivs in Marbach gesichtet, digitalisiert oder von alten Schellack-Platten restauriert zu haben und unter dem Zitat „Mein Gegner ist die Sprache“ auf drei CDs publiziert zu haben, geschmückt mit einer Coverillustration von Jonathan Meese. 10 Tondokumente sind es schließlich, chronologisch geordnet von einer Lesung aus dem „Sanduhrbuch“ im Jahre 1954, in dem Jünger in seiner stets hohen, diesmal noch dazu leicht gequetschten Stimme seine Abneigung gegen jegliche Art von Zeitmessern, aber auch Telefonen und Radiogeräten darlegt, bis hin zu einem Gespräch mit dem LSD-Erfinder Albert Hofmann in 1995, das in einem beiderseitigen Lachen über das Glück der durch die Droge erreichten Schärfung der Sinnesorgane endet.

Dazwischen liegen die „Erinnerung an Kubin“, den österreichischen Grafiker und Schriftsteller, der ihm ein langjähriger Freund und im gewissen Sinne Seelenverwandter war, ein Interview zu seinem 70. Geburtstag, „Bunter Staub“ (eine Lesung aus seinem Essay „Subtile Jagden“), der „Nachtrag zu Autor und Autorschaft“ und neben manch anderen Zeugnissen, in denen sich sein Werk spiegelt, schließlich auch das „Interview anlässlich des Besuches von J.L.Borges“ im Oktober 1982. In ihm bekennt Ernst Jünger, seiner von ihm „als einer der größten Impulse“ deklarierten Neugier geradezu widersprechend, freimütig: „Ich kenne überhaupt wenig von der modernen Literatur – die deutsche eingeschlossen. Meine eigentliche Lektüre endet im Jahre 1888, das ist das Todesjahr von Nietzsche, und dann habe ich natürlich mit Solitären einige Ausnahmen gemacht.“

Dennoch – oder gerade wegen dieser erneuten Strittigkeit: Das Hörbuch „Mein Gegner ist die Sprache“ ist zweifellos dazu angetan, zu einem differenzierteren Bild vom Werk Ernst Jüngers zu kommen, als ich es (noch?) habe.

Ernst Jünger Der WaldgangNicht vergessen werden soll an dieser Stelle auch, dass die Edition Apollon in 2011 bereits ein Hörbuch dieses Autors vorgelegt hat: „Der Waldgang“. Dieser Essay aus dem Jahre 1951, hier gelesen von Thomas Arnold, beschäftigt sich mit dem Verhältnis des Einzelnen zu Gesellschaft und Staat und der Frage nach der Notwendigkeit und den Möglichkeiten von Widerstand, falls der Staat ein verbrecherischer ist oder wird, egal ob es sich um eine Diktatur oder eine moderne Massendemokratie handelt. Ausgangspunkt für Jüngers Betrachtungen ist hierbei eine Wahlsituation in einem Staat, bei der es keine wirkliche Alternative gibt. Der Waldgänger, ein Vereinzelter, der sich, gestützt auf ein archaisches Freiheitsbild, der Dynamik der Gesellschaft und den Strukturen des Massenstaats entzieht, stimmt mit „Nein“ – er wird zum Anarchen, zum Saboteur. Ob der Visionär und Träumer, als den viele Ernst Jünger sehen, hier etwa schon den 22. September dieses Jahres im Blick gehabt hat?

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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3 Antworten zu „Mein Gegner ist die Sprache…“

  1. gsohn schreibt:

    Ist das Hörbuch „Mein Gegner ist die Sprache“ schon im Handel?

    • schifferw schreibt:

      Ja – es sollte seit Ende Mai dort vorhanden sein. Man kann es aber wohl auch direkt über Brigade Kommerz beziehen.

  2. gsohn schreibt:

    Bestellt.

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