„Die deutsche Chronik“ und „Das alte Jahrhundert“

Schriftstellergespräche in der Kempowski-Stiftung Haus Kreienhoop

© Mano Rathgeber

© Mano Rathgeber

Eigentlich hätte ich mich angesichts meines jüngsten Zusammentreffens mit Peter Kurzeck sofort erinnern müssen, aber es bedurfte erst eines Veranstaltungshinweises, damit sie mir wieder in den Sinn kamen: die großen Erinnerungsprojekte des im Oktober 2007 im Alter von 78 Jahren in der Nähe seines langjährigen Wohnortes Nartum in Niedersachsen gestorbenen Schriftstellers Walter Kempowski.

Walter Kempowski © Mano Rathgeber

Walter Kempowski © Mano Rathgeber

Wer erinnert sich nicht an seine Romane „Tadellöser & Wolff“ (1971) oder „Uns geht´s ja noch gold“ (1972), um nur zwei seiner mehrere Bände umfassenden „Deutschen Chronik“ zu nennen, in der er, gestützt auf eigene Erinnerungen und auf die seiner Mutter, der Geschwister und der Freunde seiner Familie, die Geschichte eben dieser Familie erzählt. Beginnend in der wilhelminischen Zeit berichtet er vom Leben mehrerer Generationen in Rostock, er erzählt von zwei Weltkriegen, vom Alltag und von Bombenangriffen, vom Tod des Vaters und von seiner Haftzeit in Bautzen, wo er, angeklagt wegen Spionage für die USA, acht Jahre verbringen musste – und schließlich von seinem Neubeginn in Westdeutschland nach der Haftentlassung 1956.

Und dann, neben vielen weiteren Publikationen, zu denen auch sogenannte Befragungsbände zählen, welche die geschilderte Zeit um Perspektiven und Ansichten anonym bleibender Zeitzeugen erweitern, erschien in der Zeit von 1993 bis 2005 das zehnbändige Werk „Das Echolot“. Der Autor selbst bezeichnete dieses annähernd 8000 Seiten starke Opus, an dem er insgesamt 26 Jahre gearbeitet hat, als „eine Art Parallelunternehmen“ zur „Deutschen Chronik“, als „einen großen Dialog, der meine ‚Chronik‘ wispernd begleitet“ – die Kritik feierte die Collage aus Berichten, Briefen, Tagebuchaufzeichnungen, Photographien usw. unbekannter wie prominenter Stimmen zu den Geschehnissen des 2. Weltkriegs weniger zurückhaltend einmütig als eines der eindrucksvollsten Projekte der deutschen wie auch internationalen Literaturgeschichte.

© Kempowski Stiftung Haus Kreienhoop

© Kempowski Stiftung Haus Kreienhoop

Das Haus Kreienhoop in Nartum, in dem Walter Kempowski seit Mitte der 1960er-Jahre mit seiner Frau Hildegard und den beiden Kindern lebte, war jedoch nicht nur der Ort seines eigenen unermüdlichen literarischen Schaffens und Stätte des von ihm gegründeten „Archivs für unpublizierte Autobiographien“, hierin und in die dazu gehörige Gartenanlage lud er auch zu seinen berühmt gewordenen Literaturnachmittagen ein, zu Dichtertreffen, Literaturseminaren und Lesungen.

Teilansicht von Walter Kempowskis Bibliothek © Mano Rathgeber

Teilansicht von Walter Kempowskis Bibliothek © Mano Rathgeber

Ich erinnere mich, nach der Publikation meines ersten Romans „Die Befragung des Otto B.“ Mitte der 70er selbst einmal dort als Lesegast eingeladen gewesen zu sein und die vielen Regalmeter voller Bücher, Kladden und teils handschriftlich verfasster Zeitzeugnisse, die dem Autor zugeschickt worden waren, bestaunt zu haben.

Nicht zuletzt um den Dialog der Literaten untereinander und mit den Lesern gesichert fortgesetzt zu wissen, gründete der Autor im Jahr 2005 die Kempowski Stiftung Haus Kreienhoop und schloss noch kurz vor seinem Tod das Haus und den Naturgarten ausdrücklich mit ein. Seither widmet sich die Stiftung nicht nur der Aufbereitung, Verwaltung, Veröffentlichung und Erforschung des literarischen Werkes des Schriftstellers selbst, mit der Organisation und Durchführung von Ausstellungen, Autorenlesungen und literarturwissenschaftlichen Seminaren etc. knüpft sie auch bewusst an die Tradition der von Walter Kempowski entwickelten Konzepte des literarischen Dialoges an.

Besonders gelegen ist ihr an einer Wiederbelebung der seinerzeit äußerst erfolgreichen Reihe der Dichtertreffen. Ein solches „Schriftstellergespräch“ hat der Publizist und ehemalige Leiter der Literaturredaktion des NDR Wend Kässens nun für das Wochenende vom 13. bis zum 15. September vorbereitet.
Ganz im Sinne des Wirkens von Walter Kempowski wird er an diesen Tagen drei der wichtigsten Autoren der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur miteinander und mit dem interessierten Publikum ins Gespräch bringen, und zwar zu dem Thema „Zeit vergessen, Zeit erinnern“.

Die anwesenden Autoren sind die Preisträgerin des deutschen Buchpreises Ursula Krechel („Landgericht“), der Büchnerpreisträger Friedrich Christian Delius („Als die Bücher noch ge-holfen haben“ und „Die linke Hand des Papstes“) sowie, und hiermit komme ich auf den Beginn dieses Beitrags zurück, kein anderer als der Chronist des „Alten Jahrhunderts“ Peter Kurzeck („Vorabend“).

Wer bei diesem Schriftstellergespräch im Haus Kreienkoop und Garten als Gast zugegen sein und somit ein wohl eindringliches Erlebnis erfahren möchte, findet hier die Angaben zur (kostenpflichtigen) Teilnahmemöglichkeit.

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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Eine Antwort zu „Die deutsche Chronik“ und „Das alte Jahrhundert“

  1. gsohn schreibt:

    Hat dies auf Ich sag mal rebloggt.

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