Ein Isländer auf Abwegen?

Der Auftakt eines Staatsbesuchs

Im Berliner Studio von Olafur Eliasson © Wolfgang Schiffer

Im Berliner Studio von Olafur Eliasson © Wolfgang Schiffer

Der isländische Staatspräsident, S.E. Ólafur Ragnar Grímsson, der vom 25. bis 28. Juni dieses Jahres gemeinsam mit seiner Gattin Dorrit Moussaieff auf Staatsbesuch in Deutschland war, ist mit dieser Headline natürlich nicht gemeint. Sein klares Bekenntnis zur Kultur, insbesondere zur isländischen Literatur als Identität stiftende gesellschaftliche Kraft, das er am Vorabend des offiziellen Programms ablegte, ist mir jedoch Anlass für eine kurze „Nachlese“ zum literarischen Ehrengast-Auftritt Islands auf der Frankfurter Buchmesse 2011 und insbesondere zum Werk eines isländischen Autors, in dem (hier also der Abwegige) das Wort Island erstaunlicher Weise nicht vorkommt.

Ich erinnere mich gerne an die damaligen Tage in Frankfurt, an die große, auch Musik, Design, Film und Bildende Kunst umfassende kulturelle Präsenz des Gastlandes in der gesamten Stadt ebenso wie an die Emotion und Form aufs Beste verbindende Gestaltung des Island-Pavillons auf der 1. Etage des Messeforums, der auch in den Feuilletons unserer Zeitungen auf einhellige Begeisterung stieß.

S.E. Ólafur Ragnar Grímsson bei seiner Begrüßungsrede am 24.06.2013 in Berlin © Wolfgang Schiffer

S.E. Ólafur Ragnar Grímsson bei seiner Begrüßungsrede am 24.06.2013 in Berlin © Wolfgang Schiffer

Dieses Ereignis vor knapp zwei Jahren war es auch, auf das Ólafur Ragnar Grímsson in seiner Begrüßungsrede im Berliner Studio von Olafur Eliasson, in das der weltweit bekannte dänische Installationskünstler isländischer Herkunft und der Botschafter Islands, Gunnar Snorri Gunnarsson, zu Ehren des Präsidenten eingeladen hatten, vor einem großem Publikum Bezug nahm. Es sei vor allem dieser internationale Auftritt Islands gewesen, so der Präsident, der dem seit 2008 von Finanzkrise und drohendem Staatsbankrott erschütterte Inselland nicht zuletzt durch die damit verbundene Rückbesinnung auf seine eigentlichen Werte das zur Überwindung der Krise erforderliche Selbstbewusstsein wiedergegeben und es ihm ermöglicht habe, auch anderen Ländern erneut mit dem Stolz einer tradierten Kultur- und Literaturnation zu begegnen.

Und stolz konnten die Isländer wirklich sein angesichts ihres fulminanten Auftritts und der Präsentation des Reichtums ihrer Literatur, von den „Isländersagas“ bis hin zu aktuellsten Beispielen experimenteller Poesie. Wer mehr dazu wissen möchte, mag dies in meinem rückblickenden Artikel „Sagenhaftes Island“ im Band 244 der Zeitschrift, für Literatur, Kunst und Kritik „die horen“ nachlesen, nebst Hinweisen auf eine Vielzahl der seinerzeit allein im Bereich der Belletristik an die 100 in Übersetzung neu erschienenen Bücher, die isländische Verleger und vor allem die Autoren selbst zuvor den Messebesuchern in großer Lebendigkeit und einer äußerst einladenden Atmosphäre nahegebracht hatten.

Von den deutschen Verlegern, ich gestehe es, hatte ich mir in meiner Begeisterung für die Zeit danach allerdings, wie man heute sagt, mehr Nachhaltigkeit erhofft. Legt man die Messlatte der Erwartungen an, die „Sagenhaftes Island“ bei Kritikern und Lesern hierzulande gleichermaßen geweckt hatte, so ist die Anzahl der seither erschienenen weiteren Titel isländischer Provenienz eher als bescheiden zu bezeichnen. Immerhin setzte der Weidle Verlag sofort die Übersetzung und Publikation von Pétur Gunnarssons Roman-Tetralogie um den jungen Helden Andri Haraldsson fort, der Conte-Verlag ließ Þórarinn Eldjárns Sammlung hintergründig-skurriler Kurzgeschichten „Die glücklichste Nation unter der Sonne“ dessen Roman „Im Blauturm“ um die historische Figur des isländischen Gelehrten und Dichters Guðmundur Andresson folgen; auch mehrere weitere Kriminalromane aus der Feder isländischer Autorinnen und Autoren wurden inzwischen veröffentlicht, allen voran im Lübbe Verlag „Eiseskälte“, mit dem Arnaldur Indriðason, der Großmeister des Islandkrimis, seinen letzten Thriller mit dem kauzigen Kommissar Erlendur als Hauptakteur geschrieben hat.

Die andere TochterAußer den Genannten erschien im SALON LiteraturVERLAG Ingibjörg Hjartardóttirs „Die andere Tochter“, und der Piper Verlag schließlich schloss jüngst mit „Das Herz des Menschen“ Jón Kalman Stefánssons bewegende Trilogie zu Islands Wirklichkeit vor gut hundert Jahren ab – die Hoffnung mancher Leser, nun endlich auch Arbeiten so manch anderer isländischer Autoren, die noch nicht den Weg in einen deutschsprachigen Verlag gefunden hatten, kennen lernen zu können, erfüllt sich nach meinem Kenntnisstand bis heute jedoch nicht.

Die RückkehrMit einer Ausnahme: Der Tropen Verlag fügte im Herbst 2012 mit Bjarni Bjarnason, einem 1965 in Reykjavík geborenen Lyriker und Prosaschriftsteller, seinem Kultautor Hallgrímur Helgason, dessen Romanen wie „Eine Frau bei 1000º“ er bereits zuvor eine deutschsprachige Heimat gegeben hatte, eine uns bis dato unbekannte isländische Stimme hinzu. Eine Stimme allerdings, die im Kontext der uns bekannten isländischen Literatur (und auch im Ursprungsland selbst) recht ungewöhnlich daher kommt. In seinem Roman „Die Rückkehr der Jungfrau Maria“, im Original bereits 1996 erschienen und von Tina Flecken gewohnt souverän ins Deutsche übertragen, kommt, wie gesagt, weder das Wort Island vor, noch gibt es sonst irgendeinen Hinweis, dass sich das Werk in die typisch isländische Erzähltradition stellen wollte. Im Gegenteil: nicht die Fabel- und Sagawelt der Insel liegt als schimmernde Folie unter der Geschichte, sondern der Kosmos der Bibel. Allerdings verlegt der Autor diesen in eine örtlich unbestimmte Gegenwart und lässt uns darin teilhaben an einem faszinierenden Gedankenspiel.
So fragt uns der Roman, wie die moderne Gesellschaft auf eine junge Frau reagieren würde, die allem Anschein nach die Jungfrau Maria ist? Und welches Leben würde sich eine junge Frau, wenn sie denn die Jungfrau Maria wäre, heute wünschen?
Mögliche Antworten erhalten wir, indem wir der wild-turbulenten Geschichte von Michael von Blomsterfeld, Erfinder, Akrobat, Zirkusinhaber und Enkel des ehemals angesehenen Theologen Johannes von Blomsterfeld folgen, und der der jungen, wegen herausragender Leistungen mit Stipendien überhäuften, doch bei der Verteidigung ihrer Doktorarbeit des Betrugs verdächtigten und zur Flucht gezwungenen Studentin Maria – einer Geschichte, die der Autor in einem mit Elementen der Fantasie, des Beziehungsdramas, des Thrillers und der theologischer Spekulation gewürzten Szenario zu einem nachdenklich stimmenden Ende führt: Wie begegnen wir in all unserer Rationalität dem Unbekannten? Und haben Unschuld und Schönheit noch einen Platz in unserer Welt, wenn wir der Rationalität den Primat einräumen, und nicht der Phantasie?

Seien wir phantasievoll und hoffen wir, dass dieser Autorenstimme neben den bereits geschätzten noch viele weitere bislang unbekannte der isländischen Literatur folgen werden. Der nächste Bücherherbst steht ja vor der Tür…

Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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