„Ich bin zuständig für die Welt…“

Staufenberg feiert Peter Kurzeck

Das Burghaus und die Oberburg in Staufenberg/Hessen © Wolfgang Schiffer

Das Burghaus und die Oberburg in Staufenberg/Hessen © Wolfgang Schiffer

„Ich wusste ja schon früher, als Kind, dass ich Dichter bin – das Wort Schriftsteller kannte ich noch nicht – und weil Goethe, nach dem das Haus benannt ist, in dem wir wohnten, ja schon tot war, war ich sogar der einzige Dichter…“

Während Peter Kurzeck dies mit verschmitztem Lächeln spricht, weist er mit dem Brillenetui, das er in der linken Hand hält, vom Vorplatz der sogenannten Roten Schule aus auf die Fassade der gegenüber liegenden Goethe Schule, in deren Dachgeschoss er und seine Familie nach der Vertreibung aus der Tschechoslowakei für viele Jahre wohnten. Und er setzt hinzu: „Und deshalb habe ich auch immer gedacht, dass die Rote Schule, die ich im Übrigen viel schöner fand, auch nach einem Dichter benannt werden sollte, aber nach einem lebenden – sie, so mein Wunsch, sollte meinen Namen tragen!“

Die Rote Schule © Wolfgang Schiffer

Die Rote Schule © Wolfgang Schiffer

Die Erfüllung dieses ebenso charmant wie selbstbewusst vorgetragen Wunsches konnte Peter Gefeller, Bürgermeister der Stadt Staufenberg, der den Schriftsteller und die zahlreichen Gäste am 22. Juni zum Auftakt eines literarischen Spazierganges an die Erinnerungsorte von Peter Kurzecks Kindheit begrüßte, zwar nicht sofort zusagen – die Anregung, die es, so sein Kommentar, jedoch verdiene, darüber nachzudenken, auf den parlamentarischen Entscheidungsweg zu bringen, versprach er jedoch umgehend. Und es klang ein wenig so, als sei die Entscheidung zugunsten einer Neubenennung der Roten Schule, die heute das Heimatmuseum der Stadt beherbergt, längst gefallen.

Peter Kurzeck im Kreis seiner Anhänger © Wolfgang Schiffer

Peter Kurzeck im Kreis seiner Anhänger © Wolfgang Schiffer

Verwundern würde es jedenfalls nicht, denn kaum eine andere Stadt hat einem Schriftsteller so viel zu verdanken wie die Stadt Staufenberg ihrem zu Recht zum Ehrenbürger ernannten Erzähler Peter Kurzeck. In Romanen wie „Kein Frühling“ oder zuletzt „Vorabend“ (Stroemfeld Verlag), in dem Hörwerk „Ein Sommer, der bleibt“ (Supposé Verlag) und in vielen anderen Werken hat er der Stadt mit seinem Erzählen ein literarisches Denkmal gesetzt, das nur wenige vergleichbare kennt. Und wie sehr sein auf die eigene Biographie gestütztes Erinnern auch Ortsfremde gefangen nimmt, weil der mäandernde poetische Kosmos weit über Staufenberg hinaus die Welt einfängt, das bezeugten die vielen Gäste, die auch von weither angereist waren, um den Autor an diesem Tag bei seinem von der Stadt ausgerichteten Geburtstagsfest zu begleiten.

In meinem früheren Geburtstagsgruß an Peter Kurzeck habe ich bereits angekündigt, dass auch die Verleihung des „Ehrenpreises der deutschen Schallplattenkritik“ Teil dieses Festes sein würde – heute darf ich sagen, dass ich selbst die Freude hatte, dem Autor und Erzähler im Namen des Preisgebers zum Abschluss des Tages nicht nur nachträglich persönlich zu seinem 70. Geburtstag zu gratulieren, sondern ihm mit der Übergabe der Urkunde auch für sein Wort, seine Sprache, sein Beredt-Machen der Dinge zu gratulieren. Und im Nachhinein muss ich sagen, ich hätte auch ohne diese ehrenvolle Aufgabe keinen Augenblick dieses Tages missen wollen: er war und blieb – trotz einer anschließenden Weiterfahrt, die mich in der vergangenen Woche zunächst nach Berlin und weiter in Fontanes Havelland, also in manch andere, ebenfalls von Literatur durchdrungene Stadt oder Gegend geführt hat – dieser Tag war und blieb der Höhepunkt der gesamten Reise.

Peter Kurzeck vor der Goethe Schule neben der ersten Tafel zu seinem Leben und Wirken in Staufenberg © Wolfgang Schiffer

Peter Kurzeck vor der Goethe Schule neben der ersten Tafel zu seinem Leben und Wirken in Staufenberg © Wolfgang Schiffer

Ganz gleich, an welchen Ort der Schriftsteller mich und all die weiteren Zuhörer führte, ob zur Goethe Schule selbst, an der der Bürgermeister ihn bat, mit ihm eine erste Hinweistafel zu seinem Leben und Wirken in Staufenberg zu enthüllen (weitere dieser mit einem von Rupert Eichler gezeichneten Porträt des Autors gestalteten Tafeln sind an allen Orten Staufenbergs geplant, die der Autor literarisch dokumentiert hat), ob zum Dorfturm, zum ehemaligen Kaufladen oder zum „Poul“, dem Dorfteich, der heute ein Parkplatz ist, Peter Kurzecks Erinnerungen an frühere Details, Atmosphären und Menschen, hervorsprudelnd in dem ihm eigenen musikalischen Rhythmus der Stimme, nahmen einen sofort gefangen, ließen einen riechen und schmecken und teilhaben an den seinerzeitigen Begegnungen, Abenteuern und Spielen, lächeln und traurig werden ob all der Dinge, die es heute nicht mehr gibt. Und wenn es einmal so schien, als käme der Erinnerungsmotor ins Stocken (was nicht der Fall war, sondern nur Ausdruck einer tastenden Selbstvergewisserung war…), so war da Roland Heger, sein Freund aus den Kindheitstagen in Staufenberg, der ihn sofort wieder zu beschleunigen verstand, mit einem Stichwort wie „Samstag Badetag“ oder mit einem Blick in ein Buch mit historischen Abbildungen des Dorfs.

Roland Heger zeigt alte Aufnahmen von Staufenberg © Wolfgang Schiffer

Roland Heger zeigt alte Aufnahmen von Staufenberg © Wolfgang Schiffer

Später, am frühen Abend, las Peter Kurzeck dann noch im überfüllten Burghaus aus „Vorabend“, dem fünften und vorerst letzten Roman seines auf insgesamt zwölf Bände angelegten Erinnerungsprojekts „Das alte Jahrhundert“. Ausgewählt hatte er das Kapitel über seinen Abschied aus Staufenberg im Jahr 1978, in dem er zusammen mit seiner damaligen Lebenspartnerin Sibylle nach Frankfurt übersiedelte. Und erneut, diesmal am Beispiel des Vortrags eines gedruckten Textes, konnte sich das Publikum von seiner außerordentlichen Erzähl- und Sprechkunst überzeugen.

Peter Kurzeck liest im Burghaus © Wolfgang Schiffer

Peter Kurzeck liest im Burghaus © Wolfgang Schiffer

Im nachfolgenden Gespräch befragt, für was er sich als Schriftsteller zuständig fühle, griff Peter Kurzeck den zuvor beim Spaziergang bereits angerissenen Gedanken vom Verlust der Dinge noch einmal auf: er fühle sich zuständig, so antwortete er, für das, was es nicht mehr gebe, für das, was verloren gehe, kurzum, für die Welt. Und in Anlehnung an das Zitat von Gustav Mahler, dass Tradition nicht die Anbetung der Asche sei, sondern die Weitergabe des Feuers, konstatierte er, er gebe das Leben weiter, die Schönheit.

Teilansicht der von Erika Schmied geschaffenen Ausstellung zu Peter Kurzeck © Wolfgang Schiffer

Teilansicht der von Erika Schmied geschaffenen Ausstellung zu Peter Kurzeck © Wolfgang Schiffer

Der radikale BiographWer mehr von diesem Leben und seiner Schönheit, aber auch von den Herausforderungen, die es mit sich bringt, erfahren will, dem sei die Lektüre von Peter Kurzecks Werk dringend ans Herz gelegt. Und wer sich das bewegte Leben dieses einzigartigen zeitgenössischen Erzählers deutscher Sprache noch dazu vor Augen führen will, dem empfehle ich gerne den zu seinem Geburtstag im Stroemfeld Verlag erschienenen Bildband „Peter Kurzeck – Der radikale Biograph“. Herausgegeben von der Fotografin und Kunstgeschichtlerin Erika Schmied, die komplementär dazu auch eine Ausstellung im Burghaus zusammengestellt hat, vereinigt der Band Foto-Dokumente von Kurzecks Kindheit bis in die nahe Gegenwart, zugeordnete Werkauszüge aus seinen Büchern sowie Gespräche mit dem Autor, Anmerkungen und Würdigungen von Wend Kässens, Manfred Papst, Wieland Schmied, Thomas Meinecke und Anderen. Ein Album, das einlädt zum Schauen und zum Lesen gleichermaßen…

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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3 Antworten zu „Ich bin zuständig für die Welt…“

  1. gsohn schreibt:

    Hat dies auf Ich sag mal rebloggt.

  2. Pingback: „Die deutsche Chronik“ und „Das alte Jahrhundert“ | Wortspiele: Ein literarischer Blog

  3. Pingback: Im Gedenken an Peter Kurzeck | Wortspiele: Ein literarischer Blog

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