Die Weltliteratur und der gute Ton

Hörbücher © Wolfgang Schiffer

Hörbücher © Wolfgang Schiffer

Es gibt Bücher der Weltliteratur, da zählt die Feststellung, sie gelesen zu haben, in gewissen Kreisen einfach zum guten Ton. Begibt man sich dann ins Gespräch über das jeweilige Buch, wird häufig erkennbar, dass sich die Feststellung allein auf eine Lektüre über das Buch stützt, gelegentlich entpuppt sie sich gar als weniger als das, nämlich als pure Behauptung.

Zu den vielen Werken, denen ein solches Rezeptionsverhalten beschieden ist, zählen zweifellos „Die Ästhetik des Widerstands“ von Peter Weiss und „Ulysses“ von James Joyce, beides zugebenermaßen eher schwer zugängliche Texte der Literatur.
Von diesen, wie von manch anderen „Klassikern“, die ein vergleichbares Schicksal erleiden, haben die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten glücklicherweise jedoch in bester Wahrnehmung ihres Kulturauftrags Lese- oder gar Hörspielfassungen produziert, die den Lesemüden den Zugang zu diesen Marksteinen der Literatur bei nunmehr wirklich gutem Ton erleichtern. Und unter den vielen Hörbuch-Verlagen in Deutschland ist es insbesondere „der Hörverlag“ in München, der derlei ambitionierte Projekte danach in sein Programm nimmt und sie somit auch über die Termine der Radio-Ausstrahlungen hinaus einem interessierten Publikum zur Verfügung hält.

Ästhetik 2Die Ästhetik des Widerstands“, das 1000-seitige Hauptwerk des Schriftstellers Peter Weiss, in seiner Trauer- und Erinnerungsarbeit an sozialistische Ideale und an den Widerstand gegen den Naziterror ein komplexes Schlüsselwerk zur Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte, wurde bereits 2007 in einer Koproduktion von BR und WDR als Hörspielbearbeitung realisiert; die nachfolgende Publikation durch den „Hörverlag“ ist nicht nur von der Jury der hr2-Bestenliste als „Hörbuch des Jahres 2007“ ausgezeichnet worden, der Bearbeiter und Regisseur der Produktion, Karl Bruckmaier, erhielt wenige Monate später auch den „Deutschen Hörbuchpreis 2008“ in der Kategorie „Das besondere Hörbuch/Regie“. In der Jurybegründung hierzu heißt es u. a.: „Karl Bruckmaier ist es gelungen, den Text aus seinem Schweigen zu lösen, indem er ihn zerlegte, neu kombinierte und seine innere Rhythmik von den Sprechern hervorheben ließ. (…) Er hat einen der bedeutendsten Romane des 20. Jahrhunderts aus den Bibliotheken und Literaturgeschichten befreit und, indem er ihn beredt machte, für die Nachgeborenen gerettet.“

UlyssesNicht weniger geehrt dürfte sich Klaus Buhlert fühlen, erhielt die 2012 realisierte Produktion des SWR und DLF des „Ulysses“ von James Joyce, für die er als Hörspielbearbeiter, Regisseur und Komponist verantwortlich zeichnet, nach der Veröffentlichung durch den „Hörverlag“ neben anderen Auszeichnungen doch ebenfalls das Gütesiegel „Hörbuch des Jahres“ und den „Deutschen Hörbuchpreis 2013“ in der Kategorie „Bestes Hörspiel“. Auch hier zeigen sich die Jurystimmen gerade von den Vermittlungsqualitäten der Produktion beeindruckt: „Die speziell für das Medium Radio geschaffene Adaption ermöglicht den Zugang zu einem Roman, der vielen als unlesbar erscheint. Ohne zu stark zu vereinfachen, wird Weltliteratur hier für jeden hörbar gemacht.“

Zuvor hatte es das Hörbuch bereits auf die Bestenliste des „Preises der deutschen Schallplattenkritik“ geschafft. Hier hatte ich als Mitglied der Jury in der Kategorie „Wort“ selbst das Vergnügen, eine kurze Begründung schreiben zu dürfen, und die lautet auszugsweise wie folgt: „Das ist Wort- und Klangkunst at its best! Mit einem Ensemble herausragender Schauspieler lässt uns Klaus Buhlert eintauchen in das Dublin des 16. Juni 1904 und in die Erlebnisse und Erinnerungen der im „Ulysses“ agierenden „Helden“. Akustisch und musikalisch ist das Hördrama diesem Meisterwerk der Moderne kongenial abgelauscht.“
Es bleibt zu hoffen, dass diese Arbeit auch noch mit dem „Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik“ ausgezeichnet wird – und Klaus Buhlert für sein radiophones und musikalisches Wirken demnächst einen der „Ehrenpreise der deutschen Schallplattenkritik“ erhält.
Ulysses Lesung 2
Wer „Ulysses“ allerdings nicht durch eine bereits erfolgte künstlerische Interpretation einer Hörspielbearbeitung kennen lernen will, sich zugleich jedoch immer noch vor der eigenen Lektüre scheut, der sei auf eine vollständige Lesefassung der 18 Episoden hingewiesen, die der Hörfunk des rbb mit überaus namhaften Sprecherinnen und Sprechern (z. B. Matthias Brandt, Burghardt Klaußner, Sophie Rois, Ulrich Noethen, Anna Thalbach, Ulrich Matthes u. v. a.) produziert und im Jahr 2012 in 80 Folgen ausgestrahlt hat.

Als aktuell erschienene Hörbuch-Kassette mit mehr als 38 Stunden zu erwartendem Hörgenuss befeuert „der Hörverlag“ damit nun erneut die Wahrnehmung dieser Ikone der literarischen Moderne.
James Joyce pur! Ich freue mich nach einem ersten Einhören jedenfalls darauf, die weiteren Stunden nun mit auf eine längere Autofahrt zu nehmen, die mich für eine gute Woche quer durch die Republik führen wird. Und da ich beim Zuhören zwar sehr gut das Auto lenken kann, aber beim besten Willen nicht schreiben, werde ich für einige Tage schweigen: auch und vor allem an dieser Stelle. Aber vielleicht wollen Sie ja auch so bald gar nichts Neues von mir lesen, weil Sie alle mit dem Hören der heute von mir vorgestellten Werke beschäftigt sind. Sie zusätzlich zu lesen, bleibt übrigens auch anempfohlen: Es ergänzt den Hörgenuss um eine weitere, ganz eigene Erfahrung von Welt.

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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4 Antworten zu Die Weltliteratur und der gute Ton

  1. gsohn schreibt:

    Hat dies auf Ich sag mal rebloggt und kommentierte:

    Von Wolfgang Schiffer, der selbst ein ausgezeichneter Sprecher für Hörbücher ist.

  2. Britta Bruche schreibt:

    Ich finde die Empfehlungen wunderbar!

  3. elisabeth stippler schreibt:

    Kann nur bestätigen: Auf langen Autofahrten wird das gelesene Wort zum idealen Begleiter.

  4. Pingback: Ulysses – hörbar gemacht! | Wortspiele: Ein literarischer Blog

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