Vom Übersetzen und Neuübersetzen

Literaturwelten © Wolfgang Schiffer

Literaturwelten © Wolfgang Schiffer

Dass wir ganze Welten der Literatur nicht zur Kenntnis nehmen könnten, wenn sie uns nicht durch die Arbeit von Übersetzerinnen und Übersetzern zugänglich gemacht werden würden, ist eine Binsenwahrheit. Doch haben wir deren Arbeit wirklich im Blick, wenn wir ein Buch, das ursprünglich in einer anderen Sprache geschrieben ist, aufschlagen und darin zu lesen beginnen? Selbst wenn wir gewissenhaft den Namen des Übersetzers nachschlagen, der sich, im Gegensatz zu dem meist eindrücklicheren Namen des Autors auf dem Cover, bescheiden auf einer der ersten Innenseiten geradezu verbirgt, denken wir, wenn wir ehrlich sind, doch zumeist nur Dinge wie: ach, wie schön, dass der diese Sprache beherrscht und dieses Können hier zum Einsatz bringt – denn diesen Autor wollte ich schon immer einmal lesen!

Übersetzen jedoch ist, wie die Literatur selbst, eine besondere Form der Kunst; es erfordert nicht nur die Kenntnis einer anderen Sprache und ein hohe Virtuosität im Umgang mit der eigenen, sie setzt vor allem einen speziellen Sinn für die fremde Sprache, die andere Kultur usw. voraus, und nur, wenn all dies zusammenwirkt, wird uns, dem Leser, das Verstehen und das „Einfühlen“ in das Andere erst möglich. Nur dann lese ich den Autor, den ich schon immer einmal lesen wollte.

Auf verblüffend-unterhaltsame Weise hat mir und vielen anderen Teilnehmern dies jetzt noch einmal eine literarische Veranstaltung eindrücklich und klar vor Augen geführt; sie stand unter dem Titel „Vom Übersetzen und Neuübersetzen“ und fand heute, den 16. Juni, als Matinee im Literaturhaus Köln statt.

Hinrich Schmidt-Henkel, Claudia Ott, Alexander Nitzberg, Frank Heibert (v.l.n.r.) © Wolfgang Schiffer

Hinrich Schmidt-Henkel, Claudia Ott, Alexander Nitzberg, Frank Heibert (v.l.n.r.) © Wolfgang Schiffer

Charmant und kenntnisreich moderiert von Hinrich Schmidt-Henkel, selbst Übersetzer und Vorsitzender des Verbands deutschsprachiger Übersetzer, präsentierten Claudia Ott, Alexander Nitzberg und Frank Heibert hier ihre zuletzt abgeschlossenen oder kommenden Übersetzungsprojekte und ließen die Zuhörer teilhaben an ihren verschiedenen Methoden, mit denen sie den jeweiligen Werken eine neue authentische Stimme geben. Und sie ließen uns das „Brennen“ spüren, das sie bei ihrer Arbeit empfinden.

1001 NachtClaudia Ott, als Entdeckerin und Übersetzerin von „Hundertundeine Nacht“ (Manesse Verlag) gefeiert, stellte ihre nicht minder gelobte Neuübersetzung von „Tausendundeine Nacht“ (C.H. Beck Verlag) vor und erläuterte die vorherige Editions- und Übersetzungsgeschichte dieses Werkes der Weltliteratur. Im Vergleich der von ihr auswendig im arabischen Original und in ihrer diesem Original folgenden Übersetzung vorgetragenen Ausschnitte wurde die Stimmigkeit des hier durchgängig erzielten literarischen Gestus und der Erzählhaltung hörbar.

519gwhWQDjL._AA160_„Meister und Margarita“ heißt im Titel die Neuübersetzung, die Alexander Nitzberg von Michail Bulgakows Schlüsselwerk der russischen Moderne, so die Einordnung des Übersetzers, 2012 im Galiani Verlag veröffentlichte. Nitzberg, neben eigener Poesie vor allem bekannt als Übersetzer russischer Lyrik, gab an, dass ihn Prosa vor allem dann interessiere, wenn sie mit starken poetischen Elementen aufgeladen sei – und genau dies mache Bulgakows Werk aus. Im Gegensatz zu früheren Übersetzungen sei es ihm nun darum gegangen, dieses Werk als das Kaleidoskop von Phantasmen, das es nun einmal sei, in seinem Klang und Rhythmus rau und grell zum Klingen zu bringen. Die vorgetragenen Textproben bewiesen, wie sehr dies gelungen ist.

Frank Heibert schließlich stellte einen ersten Auszug aus einer Arbeit vor, die er derzeit für den Rowohlt Verlag unternimmt, der Neuübersetzung des von William Faulkner 1929 veröffentlichten Romans „The Sound and the Fury“, 1956 unter dem Titel „Schall und Wahn“ erstmals auf Deutsch erschienen. Eindrucksvoll berichtete er von den Herausforderungen einer Übertragung insbesondere jener langen Dialogpassagen, in denen Faulkner den schwarzen Bediensteten in diesem Familiendrama eine eigene Stimme gibt, indem er sie in einem für sie typischen Südstaaten-Idiom sprechen lässt. Doch wie dieses ins Deutsche übertragen? Weder ein Kunstdialekt noch der tatsächlich gesprochene einer bestimmten Region könnten dies leisten, ohne Gefahr zu laufen, die Charaktere falsch zu verorten oder gar der Lächerlichkeit preiszugeben. Auf Frank Heiberts Lösung dieses Problems bleibe ich gespannt!

3-498-00926-5.jpg.236441In allen drei vorgestellten Fällen handelt es sich um Neuübersetzungen von Klassikern, ein (m. E. guter) literarischer Trend, dessen Ergebnisse bereits in der Vergangenheit Aufsehen erregt haben, denken wir nur an die Neuübersetzungen von Herman Melvilles „Moby Dick“, an die von Leo Tolstois „Anna Karenina“ oder an jene von Louis-Ferdinand Celines „Reise ans Ende der Nacht“, die 2004 vom Moderator der Veranstaltung Hinrich Schmidt-Henkel geleistet und von der Kritik als „sensationell“ bezeichnet wurde.

Einig waren sich die im Literaturhaus Köln anwesenden Übersetzer jedoch darin, dass es im Vergleich verschiedener Übersetzungen zumeist nicht um die Frage nach dem „besser“ oder „schlechter“ gehe – sie alle seien auf ihre Weise „richtig“. Neue Übersetzungen seien nur „krass anders“.

Einig war man sich auch, dass man beim Neuübersetzen die Lektüre früherer Übersetzungen möglichst meiden solle; Alexander Nitzberg erwähnte in dem Zusammenhang die große russische Dichterin Anna Achmatowa und zitierte deren Aussage, dass dies die eigene Arbeit gar „vergiften“ könne.

Und schließlich bestätigte ein Nicken aller auch die Anmerkung, dass sich die Wörter nicht im Wörterbuch finden ließen, sondern nur, wenn man aufstehe und sich hineinversetze in die Figur, die Szene, die Zeit… Wohl wahr, denn nur so entstehen diese alle wahrhaftig vor unserem lesenden inneren Auge!

Ein Letztes: Kooperationspartner der Matinee-Veranstaltung im Literaturhaus Köln waren Weltlesebühne e.V. und die Kunststiftung NRW. Letztere fördert die Arbeit des Übersetzens seit vielen Jahren auf vielfältige Weise und hat u. a. in diesem Jahr bereits zum zehnten Mal die Kunst des Übersetzens mit einem Übersetzerpreis ausgezeichnet; nach dem Ort der Vergabe, dem Europäischen Übersetzer-Kollegium, heißt dieser Preis seit diesem Jahr „Straelener Übersetzerpreis der Kunststiftung NRW“.

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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3 Antworten zu Vom Übersetzen und Neuübersetzen

  1. Elisabeth Stippler schreibt:

    Das war wirklich eine mal wieder hochinteressante Veranstaltung im Literaturhaus. Hoffentlich gibt es die Möglichkeit, sie zum Anfang einer Reihe zum Thema Übersetzen zu machen.

  2. Pingback: Wenn aus Bello Lumpi wird… | Wortspiele: Ein literarischer Blog

  3. Pingback: Die verfluchten Eier | Wortspiele: Ein literarischer Blog

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