Das Leben wird beim Lesen größer…

Isländisches Eis © Wolfgang Schiffer

Isländisches Eis © Wolfgang Schiffer

Der isländische Autor Jón Kalman Stefánsson beschreibt „Das Herz des Menschen“.

Ich sage es vorab: die Romane „Himmel und Hölle“ sowie „Der Schmerz der Engel“, in deutscher Übersetzung erschienen in den Jahren 2009 und 2011, habe ich seinerzeit gerne und mit großem Gewinn gelesen. Im Frühjahr nun hat der Piper Verlag die von Jón Kalman Stefánsson geplante Romantrilogie, zu dem die genannten Titel die beiden ersten Teile liefern, mit der deutschsprachigen Veröffentlichung von „Das Herz des Menschen“ abgeschlossen.

„Wer bin ich? Sind wir das, was wir tun, oder das, was wir träumen?“ Diese Frage stellt der stets nur „der Junge“ genannte Held aller drei Bücher in dem nun letzten Band nicht allein sich selbst; auf der Suche nach einer Antwort stellt er sie allen Menschen, die ihm begegnen, nicht zuletzt auch uns, den Lesern, die wir in seine Geschichte eintauchen.
Diese versetzt uns in eine isländische Wirklichkeit, die etwa 100 Jahre zurückliegt, in eine Zeit, in der das Leben vielen nichts als ein Unglück zu sein scheint, und das Überleben abhängig ist von Eis und Schnee, von der Willkür des Windes und den nicht vorhersagbaren Wegen, die der Fisch durchs Meer nimmt.

Leicht macht es uns Jón Kalman Stefánsson auf den ersten Seiten allerdings nicht, wenn er Personen und Ereignisse der in den vorausgegangen Romanen geschilderten Vorgeschichte in diesen abschließenden einflicht – den Verlust der Eltern, die Arbeit des Jungen als Fischer auf einem seinerzeit noch offenen Ruderboot, den Tod des besten Freundes, die Entdeckung der Literatur als Lebenselixier, die Reise mit dem Postboten Jens durch die arktischen Naturgewalten – leicht jedoch fällt die Empfehlung, die Lektüre der früheren Romane doch bitte nachzuholen, denn auch sie sind jede Minute wert, die man mit ihnen verbringt.

Das Herz des MenschenAber auch ohne ihre Kenntnis: „Das Herz des Menschen“ nimmt einen schnell gefangen ob der Kraft seiner Sprache und der neu aufkommenden Geschehnisse, die sich schnell zu einem wiederum chronologischen Ganzen fügen. Sie setzen da ein, wo das Schicksal des Jungen im Schneesturm besiegelt schien, schildern seine wunderbare Rettung in einem kleinen Handelsposten am Eismeer, sein Schweben zwischen Tod und Leben und darin den Kuss einer rothaarigen Frau, die ihm nie mehr aus dem Gedächtnis gehen wird.
Später, zurück in der größeren Hafenstadt, findet der zum Jüngling gereifte Junge erneut Aufnahme im Gasthaus von Geirþrúður, einer wohlhabenden, auf ihre Unabhängigkeit in dieser von Männern dominierten Gesellschaft bedachten Geschäftsfrau, von der manche raunen, sie würde es auch mit dem Teufel treiben. Ihn hat diese stolze Frau in ihr Herz geschlossen; sie verschafft ihm Zugang zur Welt der Bildung, doch während er drinnen vom Schulleiter Gísli Privatunterricht erhält, Charles Dickens übersetzt und dem blinden Kapitän Kolbeinn aus dessen Bibliothek mit über 400 Büchern vorliest, verändert sich draußen die reale Welt.

Neben großen Seglern laufen die ersten Dampfschiffe in den Hafen ein und künden die Industrialisierung des Fischfangs an, sie spülen Seemänner aus vieler Herren Länder an Land, die Sitten verrohen und die menschliche Gier paart sich mit wachsender Machtfülle einiger weniger, die die Reichen reicher und die Armen ärmer macht. Letztere suchen Trost in der Zweisamkeit, glauben daran, dass die Welt solange bewohnbar bleibt, wie ein anderer einen liebt, doch was ist die Liebe, wie unterscheidet sie sich von bequemer Gewohnheit, wie von kurzfristiger Leidenschaft? Auch mit dieser Frage sieht der Junge sich konfrontiert, denn mehr noch als Álfheiður, die Frau mit dem roten Haar, die ihn in Briefen fragt, ob er noch atme, bereitet ihm Ragnheiður feuchte Träume, auch wenn ihr Vater, der mächtigste Mann am Ort, ihm mit Entmannung droht, sollte er, der Nichtnutz, ihr jemals zu nahe kommen.

Jón Kalman Stefánsson

Jón Kalman Stefánsson

Nun, der Junge wird die Antwort finden, doch bis dahin muss noch Vieles geschehen in diesem Lebens- und Todesgesang, den Jón Kalman Stefánsson vor uns ausbreitet. Mit seinem bildstarken, bisweilen ins Poetisch-Meditative changierenden Stil, von Karl-Ludwig Wetzig, wie von ihm nicht anders zu erwarten, bestens ins Deutsche übertragen, unterläuft er dabei quasi jegliche Dramatik und steigert sie so umso mehr, lässt uns bis in die Nebenrollen hinein eine Vielfalt von ungewöhnlichen, überzeugenden Charakteren erleben, den Schweiß der Schauerleute ebenso riechen wie die Feuchtigkeit der Wiesenhöcker und die Ausdünstungen des zum Trocknen ausgelegten Fischs. Dieser Roman bewahrt nicht nur Vergangenheit, sein geradezu philosophischer, auf die Frage nach dem Sinn des Lebens zielender Grundton hallt weit ins Heute hinein. Und wenn es in Fortsetzung des als Headline dieses Artikels genutzten Zitates, dass das Leben beim Lesen größer werde, heißt: „Es wird reicher…“, ich sage, auf dieses Buch trifft es zu.
Und es sollte uns neugierig halten auf alles Neue, das Jón Kalman Stefánsson in seiner unnachahmlichen Art des Erzählens seinen Lesern in Island noch bieten und auch uns in weiterhin kongenialen Übersetzungen hoffentlich nicht vorenthalten bleiben wird.

Advertisements

Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
Dieser Beitrag wurde unter Island, Literatur, Prosa abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

9 Antworten zu Das Leben wird beim Lesen größer…

  1. Silke U. schreibt:

    Vielen Dank für diese Rezension, die mich auf dieses Buch sehr neugierig gemacht hat.

  2. Pingback: Ein Isländer auf Abwegen? | Wortspiele: Ein literarischer Blog

  3. Helmut schreibt:

    Diese Trilogie ist wirklich wunderschöne Literatur und es ist keine Schande, wenn einem beim Lesen die Tränen kommen und das Herz gelegentlich überfließt. Es handelt sich um ein großes Werk und einen grossen Gesang der Ertrunkenen, der dem Leser zeitlos zu Herzen geht und mich jedenfalls nie mehr loslassen wird.
    Für mich ist die vorliegende Trilogie vergleichbar mit F.M. Dostojewskis großem Roman: „Die Brüder Karamasow“. Ein Stück Literatur für die Ewigkeit.
    Ich stimme also mit Ihrer Bewertung überein.

    • schifferw schreibt:

      Herzlichen Dank für diesen Kommentar! Ich bin sicher, Jón Kalman hat viele Leser, die ihn so schätzen wie Sie und ich, aber wünsche ihm noch viele mehr.

  4. flattersatz schreibt:

    ich lese gerade „himmel und hölle“, ein zufallsfund in der ramschkiste. meine güte, was in solchen kisten doch für schätze liegen!

    grüße
    gerd

  5. Pingback: Vorerst letzte Meldung: Auszeit – Pause – Unterbruch | Wortspiele: Ein literarischer Blog

  6. Peter Ettl schreibt:

    Ich habe die Trilogie in meinem Kurzurlaub in drei Tagen gelesen. Fand ich schon „Das Knistern in den Sternen“ absolut bemerkenswert, so ist diese Saga um wenige Menschen auf kargem Küstenland einzigartig. Islands schroffe und durchaus tödliche Bergwelt, die ebenso schönen wie unbarmherzigen Küsten und die wellenumtosten Strände und Häfen bei den zusammengewürfelten Siedlungen werden geradezu aufgeladen mit Leben. So gefüllt, dass man die einzelnen, manchmal nur ahnbaren, Orte und Landstriche unwillkürlich auf der wahren Landkarte nachsieht und mit den kurzen eigenen Reiseerlebnissen vergleicht. Ohne Ausnahme verblassen die eigenen Bilder vor dieser Orgie an Beschreibung. Die wahre Landkarte des Lebens hat Stefánson in drei Bände geschrieben, erschütternd, ergreifend, machtvoll wie die Elemente, die diese Insel im Griff haben. Dabei von fast schon vollendeter poetischer Schönheit, dass man manchen Abschnitt mehrmals liest, fast schon angstvoll, einen der unzähligen so passenden Umschreibungen von Tod, Leben, Liebe und Natur überlesen zu haben. Die Charaktere sind zum Greifen nah. Einfach unglaublich. Danke, lieber Wolfgang Schiffer, für den Tipp!

    • schifferw schreibt:

      Ich danke für diese eindrückliche Würdigung. Sie hat auch mir diese Trilogie noch einmal in schönste Erinnerung gerufen!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s