„Eine Weile sahen sie sich in die Hände…“

Nach meinen jüngsten Abstechern in die Welt des Hörspiels und des Hörbuchs will ich noch heute kurz wieder einmal auf einen Roman aus Island eingehen, und zwar auf den dritten Band der Roman-Tetralogie von Pétur Gunnarsson: „Die Rollen und ihre Darsteller“.

gunnarsson_3Man muss „punkt punkt komma strich“ und „ich meiner mir mich“, die beiden Bücher dieses Autors aus den Jahren 2011 und 2012, die den Auftakt zu der Tetralogie des Schriftstellers bilden, nicht unbedingt gelesen haben, um auch diesen dritten, im Frühjahr dieses Jahres ebenfalls im Weidle Verlag erschienenen Teil „Die Rollen und ihre Darsteller“ verstehen und genießen zu können. Empfehlen tut sich die Lektüre dennoch, allein schon wegen der erhellenden und höchst vergnüglichen Stunden, die man dabei verbringt. Und wer wie ich bereits doch das Vergnügen der Lektüre dieser beiden ersten Teile einer Entwicklungsgeschichte der sich nach dem 2. Weltkrieg modernisierenden isländischen Gesellschaft hatte, der kennt auch schon das einschlägige Personal, dessen Leben und Lebenswitz das in dem neuen Roman erneut kraftvoll gewebte Mosaik aus Geschichte und Geschichten bestimmen: Ásta, die Mutter, Haraldur, den Vater, Sista, deren Tochter, Keli, deren Freund und späteren Ehemann, und viele weitere Akteure aus der skurrilen Nachbarschaft – und als Held im Zentrum der Familien- und Erzählkonstellation Andri Haraldsson, den Sohn.

gunnarsson_1Erlebt man Andri im ersten Teil der Tetralogie, dessen bereits 1976 publiziertes Original in Island Leser wie Kritiker gleichermaßen begeisterte und auch in seiner Übersetzung hierzulande begeisterte Rezensionen erhielt, noch als Kind im Reykjavík der vom Konflikt zwischen Stadt- und Landleben geprägten unmittelbaren Nachkriegszeit, so erfahren wir ihn im zweiten, um einige Jahre älter, in den Mühen seiner ersten Bildungsetappen und Beziehungsversuchen. Und das in einer Hauptstadt, die ihm nach der Rückkehr von einem der in Island obligatorischen Sommer-Landaufenthalte nun selbst fremd vorkommt, drohen mit Beatles und Coca Cola doch längst die Errungenschaften der ehemaligen Besatzungsmächte den tradierten kulturellen Geschmack zu dominieren.

gunnarsson_2Jetzt jedoch, zu einem jungen Mann von neunzehn Jahren herangereift, verlässt Andri Reykjavík und bald auch seine Insel im Nordmeer; er begibt sich auf Reisen, zunächst auf Reisen der eher virtuellen Art und dann, nach bestandenem Abitur, auf eine reale. Er ist nämlich fest entschlossen, Schriftsteller zu werden, und evoziert und durchkämmt aus diesem Grund die Welten von Halldór Laxness, dem isländischen Literaturnobelpreisträger, ebenso wie die von dessen Nobelpreis-Kollegen Hemingway und manch anderen Autoren der Weltliteratur. Doch ganz gleich, wessen Haltung er auch einnimmt und in wessen Rolle er schlüpft, durch diese „Reisen“ sieht er sich in seiner Hoffnung auf literarische Inspiration eher behindert, als dass sie ihn seinem Ziel näher brächten – sie sind gar beinahe ebenso hinderlich wie seine große Liebe zu Bylgja, die ihn nach seiner Ankündigung, selber einen Roman schreiben zu wollen, skeptisch fragt: „Einen Roman? Worüber?“ Und bei seinem Versuch einer zumindest theoretischen Erklärung über das notwendige Zusammensetzen der Splitter einer zerfallenden Wirklichkeit lässt ihn die Angebetete, ganz im Gegensatz zu den Frauen anderer literarischer Helden, erst gar nicht ausreden. Da hilft auf der Suche nach wirklicher Inspiration nur eine auch wirkliche Reise, und deren Endziel ist schnell ausgemacht: Paris.

© Ulrich Faure

© Ulrich Faure

Pétur Gunnarsson erzählt uns die neuen Herausforderungen, denen sich sein Held in diesem „Spiel der Fiktion innerhalb der Fiktion“ hier gegenüber sieht, wie bereits in den vorhergegangenen Bänden mit einem fulminanten literarischen Atem, gewürzt mit subtiler, erhellender Komik, die noch den verwegensten Vergleich und den aberwitzigsten Gedanken in ein treffsicheres Bild zu wandeln weiß. Und über all dies wirft der Autor ein fein gesponnenes Geflecht aus Fakten und Ansichten zur gesellschaftspolitischen und kulturellen Entwicklung Islands mit kenntnisreichen Ausflügen in die ganze Welt.

Auf die vom Weidle Verlag bereits zugesagte Publikation des letzten Bandes der Tetralogie, der uns Andri Haraldsson als Erwachsenen vorstellen und das Geheimnis lüften wird, wer der Held dieser fiktiven Biographie in Wirklichkeit ist, darf man gespannt bleiben.

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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4 Antworten zu „Eine Weile sahen sie sich in die Hände…“

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