Neufundland im Literaturhaus Köln

Neufundland„Es ist Sprache, es könnte Schönheit sein.“ Auf diese Veranstaltung des Literaturhauses Köln, die mit diesem letzten Satz der Zugabe und einem lange anhaltenden Applaus gestern Abend, den 4. Juni 2013, zu Ende ging, hatte ich mich bereits lange gefreut. Eingeladen war in Kooperation mit der Universität zu Köln die Lyrikerin, Multimediakünstlerin und Übersetzerin Barbara Köhler. 1991 hatten wir uns kennen gelernt bei der gemeinsamen Arbeit in einem Übersetzerworkshop im Künstlerhaus Edenkoben, einem Projekt in der Reihe „Poesie der Nachbarn“, das damals der isländischen Dichtung galt und dessen Ergebnis ich ein Jahr später unter dem Titel „Ich hörte die Farbe Blau“ zusammen mit Gregor Laschen in der edition die horen herausgeben durfte. Und auch an der Übertragung von Gedichten des vor wenigen Wochen verstorbenen isländischen Dichters Baldur Óskarsson für den Band „Tímaland / Zeitland“ im Buchkunstverlag Kleinheinrich hatten wir noch zusammen mit anderen gemeinsam gearbeitet, aber, ich muss es eingestehen, ich hatte sie ein wenig „aus den Augen verloren“, sie und nach ihren Gedichtbänden „Deutsches Roulette“ und „Blue Box“ vor allem auch ihr Werk.

Und nun diese beeindruckende Wiederbegegnung mit ihr als leidenschaftlicher Autorin und mit einem ihrer letzten Werke: „Neufundland – Schriften, teils bestimmt“, erschienen in der Edition Korrespondenzen, einer Sammlung unterschiedlicher Texte und Textformen aus den Jahren 2004 bis 2010: Reiseberichte, Übersetzungen, Essays und manches mehr.

Regina Wyrwoll (l.) und Barbara Köhler bei letzten Abstimmungen vor der Veranstaltung

Regina Wyrwoll (l.) und Barbara Köhler bei letzten Abstimmungen vor der Veranstaltung

Im Dialog mit der kenntnisreich und sensibel nachfragenden Moderatorin des Abends, Regina Wyrwoll, langjährige Generalsekretärin der Kunststiftung NRW und Kuratoriumsmitglied des Literaturhauses Köln e.V., ließ Barbara Köhler das Publikum, zu dem auch viele Studentinnen und Studenten des von dem in Köln lehrenden Literaturwissenschaftler Christof Hamann derzeit angebotenen Hauptseminars „Gegenwartsliteratur und ihre Poetiken“ zählten, äußerst sinnlich erfahren, wie sie Wörter und Phrasen nach ihren Ursprüngen befragt, wie sie Denk- und Sprachräume selbst auslotet und neue schafft, wie ihre Reisen durch Namen und Benennungen neue Welten gründen, nicht selten voller Komik und immer verbüffend-lehrreich. Auch erfuhr man, welch großen Lustgewinn ihr die Übertragung von Texten Gertrude Steins bereitet, von der possessiven und verführerischen Kraft deren Dichtung, die es manchmal schwer mache, die für die Übertragungsarbeit notwendige Balance von Distanz und Nähe zu finden. Und man erlebte Barbara Köhlers große Leidenschaft für Homers Großepos „Odyssee“, dessen dramaturgischer Struktur sie mittels mehrerer in Kreisen wachsender Bilder gar neue Erkenntnisse abgewinnt. Das letzte Bild dieses Serie einer inneren Chronologie, die einmal mehr Barbara Köhlers prozesshaftes Arbeiten ebenso belegt wie ihre Grenzaufweichungen zwischen Poesie und Wissenschaft, ziert den Umschlag des wahrlich empfehlenswerten Buches „Neufundland“.

Kurzum: Es war ein in mehrfacher Hinsicht gelungener Abend im Literaturhaus Köln, dessen Besuch, und das sage ich nicht allein als Mitglied des Vorstands, stets eine Bereicherung ist. Sehen Sie selbst auf Fülle und Vielfalt des Angebots.
Ein letzter Satz an den langjährigen Herausgeber der Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik die horen, Johann P. Tammen. Lieber Johann, ich habe Barbara deine Grüße ausgerichtet, und sie grüßt Dich herzlichst zurück!

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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Eine Antwort zu Neufundland im Literaturhaus Köln

  1. gsohn schreibt:

    Hat dies auf Ich sag mal rebloggt und kommentierte:

    Aus Wolfgang wird ein richtig guter Blogger 🙂

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