Der elendste…

… unter allen Häftlingen des Königs

Darf, soll man einen Roman noch besprechen, wenn er bereits im Herbst 2012 erschienen ist? Die Feuilletons haben diesen Publikationszeitraum doch längst „abgefeiert“, doch weil ich denke, dass der heutige Titel dabei ein wenig kurz gekommen ist, setze ich dieses kleine isländische „Rauchzeichen“. Die Rede ist von dem historischen Roman „Im Blauturm“ über das bewegte Leben des Gelehrten Guðmundur Andrésson im Island des 17. Jahrhunderts, geschrieben von Þórarinn Eldjárn, aus dem Isländischen von Coletta Bürling, erschienen im Conte Verlag, Saarbrücken.

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„Nachdem ich im vergangenen Jahr vom Tod meiner lieben Mutter erfuhr, gibt es da auch nicht mehr viel, was mich noch an diese abgelegene Schäre da oben im Eismeer bindet, die man Island nennt.“ Der Autor, der diesen Satz gegen Ende des Romans seinem Helden in den Mund legt,  wurde dem deutschen Lesepublikum 2011 erstmals mit seiner Sammlung ebenso satirisch-humorvoller wie kritisch-respektloser Kurzgeschichten „Die glücklichste Nation unter der Sonne“ bekannt; jetzt liegt (als eines der wenigen Romane isländischer Provenienz im Bücherherbst 2012) auch eines seiner wichtigsten größeren Prosawerke in deutscher Übersetzung vor. Wer sich ein wenig in der isländischen Mentalität auskennt, ahnt wohl schon, dass dem so zitierten Helden viel geschehen sein muss, um zu einer solchen Absage an seine geliebte Heimatinsel zu kommen. In der Tat hatte sich Guðmundur Andrésson sein Leben zweifellos anders vorgestellt, als es (historisch belegt) verlaufen ist. Geboren als Sohn armer Bauern um 1615 auf dem Hof Bjarg im Miðfjörður, der sich wegen des Umstands, dass hier auch der Held der Saga vom starken Grettir, des größten Berserkers und Barden der isländischen Geschichte, aufgewachsen ist, bis heute großer Berühmtheit erfreut, gleicht er seinem, wie er selbst erhofft, möglichen Vorfahren zwar nicht in Statur und physischer Stärke, wohl aber in aufbrausendem Temperament und scharfzüngiger Schlagfertigkeit, gepaart mit Ehrgeiz und Wissensdrang. Letzteren zu befriedigen, kommen ihm zwei Zufälle zu Hilfe: eine alte Bücherkiste, die ihm ein auf dem Hof lebender, von seinem Amt suspendierter Priester vererbt, und der Prior Arngrímur Jónsson, der seine Leselust entdeckt und ihm als Almosenempfänger eine Ausbildung an der Gelehrtenschule des Bischofsitzes Hólar vermittelt. Unter den hochgeborenen Söhnen der weltlichen und religiösen Nomenklatura Islands ist Guðmundur jedoch alles andere als ein gern gesehener Mitschüler – sie traktieren und verleumden ihn, bringen ihn gar in Verdacht des Diebstahls und schlimmer noch, der Hexerei,  wogegen sich der so Bescholtene vor allem mit spitzen Spottversen zu wehren weiß. Schließlich zieht er sich auch den Hass des Bischofs von Hólar zu, der ihm trotz eines glänzendes Abschlusses ein Fortkommen in kirchlichen Diensten verwehrt und gar seine Eheschließung verhindert. Zurückgekehrt auf den Hof Bjarg, schreibt Guðmundur Andrésson  ein Traktat gegen das „Große Edikt“, mit dem im Zusammenwirken der über Island herrschenden Dänen und der isländischen Obrigkeit nach der Reformation Rechtssprechung und Strafverfolgung neu geregelt wurde. Vehement geißelt er in seinem „Discursus oppositivus“ den herrschenden Despotismus und die (notabene bis in die jüngste Vergangenheit angehaltene) Vetternwirtschaft, die verlogene sexuelle Moral und die Verstöße gegen Gottes Gebote, was ihm den Vorwurf der Häresie einträgt. Auf dem Althing des Jahres 1649 wird er schließlich gefangen gesetzt, verurteilt und als Staatsfeind nach Kopenhagen in den berüchtigten „Blauturm“, das größte Gefängnis Dänemarks in unmittelbarer Nähe des königlichen Palastes, verbracht. Hier, in einer Zelle im 4. Stock, lässt er, verzweifelt auf seinen weiteren Prozess wartend, sein Leben noch einmal vorüber ziehen und rechnet mit seinen Neidern und Widersachern ab – bis ein Sturz aus dem Zellenfenster die Aufmerksamkeit des Königs selbst auf ihn zieht und seinem Leben eine neue Wendung gibt, die ihn seinem Traum von einem Gelehrtendasein näher bringt…

Eldjarn_1cÞórarinn Eldjárn gelingt es, uns das Leben dieses Mannes auf der Schwelle zur Aufklärung mit hoher literarischer Plastizität und geschichtlicher Wahrscheinlichkeit nahe zu bringen. Nicht nur die stilsichere Sprache der damaligen Zeit trägt hierzu bei, sondern vor allem die stimmige und phantasievolle Ergänzung nicht überlieferter Lebensumstände und Begegnungen sowie ein ausgefeilter Spannungsbogen, in dem sich uns das Geschehen öffnet. Und vor allem der trotz der üblen Umstände immer wieder auffunkelnde Humor des Helden, der in seinem Kampf gegen Willkür und Unterdrückung über seine Zeit hinaus weist…

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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2 Antworten zu Der elendste…

  1. gsohn schreibt:

    Hat dies auf Ich sag mal rebloggt.

  2. Pingback: Ein Isländer auf Abwegen? | Wortspiele: Ein literarischer Blog

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