Zum Tod des isländischen Dichters Baldur Óskarsson

Baldur Óskarsson

Die Welt ist nicht mehr wie du dich erinnerst – / sogar das grüne Moos unter dem Schnee / ist anfangs fremd / es braucht seine Zeit dies zu verstehen / und seine Zeit dich ihr zurückzugeben / du beginnst dein Leben erneut / kraft des Wortes

Zeilen wie diese werden weiterleben und Hoffnung geben, auch denen, die der Dichter Baldur Óskarsson, der sie schrieb, nun allein zurück gelassen hat, seinen Anverwandten, seinen Freunden. Er starb, wie bereits in dem Gespräch, das Bernhild Vögel mit mir zuletzt für Iceland Review online führte,  am 14. April  dieses Jahres in Reykjavík im Alter von 81 Jahren.

Ich hatte die Ehre, zu Baldur Óskarssons Freunden zu zählen, und nun sitze ich da und blättere in seinen Gedichtbänden mit den in großzügigen Lettern geschriebenen Zueignungen, lese die eine oder andere Übersetzung eines Gedichtes daraus, die ich mit meinem schon vor einigen Jahren gestorbenen Freund Franz Gíslason, durch den ich Baldur Mitte der 80er Jahre kennengelernt hatte, anfertigen durfte, und grause mich ein wenig angesichts der makabren Zufälle, die das Leben uns gelegentlich beschert: zwei Tage zuvor hatte ich noch ein Foto für das besagte Online-Interview freigegeben, das uns zu dritt im Garten des traditionsreichen Cafés Hressingarskálinn zeigt, und Baldur vital und lebensfroh. Ja, das war er, trotz aller manchmal die Melancholie streifenden Tiefe seines Gemüts, und noch dazu ein Mann von imposanter Statur, ein Mensch, der in sich selbst ruht. Als Dichter sah er sich in der literarischen Nachfolge der sogenannten Atomdichter, jener Lyriker, die nach dem 2. Weltkrieg mit der bis dahin geltenden Formenstrenge der Edda- und Skaldendichtung brachen und Island die poetische Moderne brachten. Doch ebenso wie deren Fortschreibung des freien Verses und ihrer höchst individuellen Bildsprache sind die starken, oftmals auch thematischen Einflüsse unübersehbar, die andere moderne Kunstformen,  z. B. die der Malerei, auf Baldurs lyrische Entwicklung gehabt haben. Gepaart mit verwobenen Rückgriffen auf kulturelle Mythen, einem semantisch vieldeutigen Wortschatz und einer archaisch wirkenden Naturmetaphorik, ist er zu einer unverwechselbaren Stimme unter den Dichtern Islands geworden.

Geboren 1932 in Hafnarfjörður, wuchs er in einem Gebiet im Süden Islands auf, in dem die „Njála“, die wohl literarischste unter den Isländer-Sagas, ihr Handlung nimmt. Er studierte zunächst in Schweden, anschließend Kunstgeschichte und spanische Literatur in Barcelona. Zurück in Island arbeitete er als Journalist bei Zeitung und Rundfunk, von 1965 – 1973 war er Rektor der Kunstschule von Reykjavík.  Nach einer Kurzgeschichten-Sammlung und einem Roman veröffentlichte er mit Svefneyjar (Schlafinseln) 1966 seinen ersten Lyrikband; danach widmete er sich literarisch ausschließlich dieser Kunstform und publizierte mehr als fünfzehn weitere Gedichtbände, von denen manche auch Übersetzungen enthalten, zum Beispiel von Lorca, Eluard, Eliot, aber auch von deutschen Dichtern. Für sein Werk wurde ihm 2011 der Preis des Schriftstellerfonds des Isländischen Rundfunks (RÚV) zuerkannt.

Eine Auswahl seiner Gedichte erschienen ins Deutsche übertragen verstreut in mehreren Ausgaben der Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik die horen, zuletzt im Band 242 Bei betagten Schiffen – Islands Atomdichter, in der als Ergebnis eines gemeinsamen Übersetzer-Workshops mit deutschen Lyrikern 1992 publizierten Anthologie Ich hörte die Farbe Blau und 2000 in der Anthologie Wortlaut Island (beide in der edition die horen). Ebenfalls in 2000 erschien im Buchkunstverlag Kleinheinrich die wohl hierzulande umfangreichste Auswahl seiner bis dahin veröffentlichten Gedichte: der zweisprachige Band Tímaland / Zeitland, illustriert mit Aquarellen von Bernd Koberling. Hieraus sind auch diese letzten Zeilen:

Du löst dich von Vergangenem, langsam / und langsam dehnt sich die Schnur die dich bindet  / du bist blutig / Zur Waschung gehst du allein

Baldur hat sich gelöst, seine Schnur hat sich gedehnt – er ist zur Waschung gegangen, der letzten – allein. Aber seinen Landsleuten und uns hinterlässt er sein Werk.

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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3 Antworten zu Zum Tod des isländischen Dichters Baldur Óskarsson

  1. gsohn schreibt:

    Hat dies auf Ich sag mal rebloggt und kommentierte:

    Nachruf von Wolfgang Schiffer

  2. Pingback: Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis | Wortspiele: Ein literarischer Blog

  3. Pingback: Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (31) | Wortspiele: Ein literarischer Blog

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