Den Atem des Gedichtes spüren: Zweiter Teil des Iceland Review-Interviews

Iceland Review

1982 war ich das erste Mal in Island, da wurde ich von Sigrún Valbergsdóttir auf Empfehlung von Halldór Laxness mit vielen Autorinnen und Autoren bekannt gemacht. Der einzige Mensch, den ich damals nicht getroffen habe, war Franz Gíslason.

Zwei, drei Monate später erhielt ich zu Hause in Köln einen Anruf: Erst war nichts zu hören und dann fragte jemand: Ich habe gehört, Du warst in Island? Ja, sagte ich und bekam zur Antwort: Ich komme Dich morgen besuchen.

Franz, der gerade auf Deutschlandreise war, stand tatsächlich am nächsten Tag vor meiner Tür und daraus ist bis zu seinem Tod, und ich muss ehrlich sagen, darüber hinaus, eine ganz tiefe enge Freundschaft entstanden.

Franz war als Lehrer in der Erwachsenenbildung tätig, hat Geschichte und Isländisch unterrichtet und zum Beispiel Seeleuten beigebracht, wie man richtig Briefe schreibt. Franz war etwa zehn Jahre älter als ich, Jahrgang 1935. Studiert hatte er hier in Leipzig, wie die meisten Isländer, die Kommunisten waren – für die war die DDR das eigentliche Deutschland.

Wir haben 1986 den ersten Horen-Band, Wenn das Eisherz schlägt, gemeinsam ausgeheckt. Franz hat neben seinem Beruf auch viel selbst übersetzt, von Heinrich Böll bis Herta Müller, und auch aus dem Englischen. Er war immer mein Mitherausgeber und mein Mitübersetzer, auch bei den beiden Bänden deutschsprachiger Kurzprosa und Lyrik, die wir in Island herausgegeben haben.

Franz war mein lebendes Wörterbuch. Er hat mich immer dazu gebracht, beim gemeinsamen Übersetzen meine eigene Sprache plötzlich als eine fremde wahrzunehmen. Um die genaue Bedeutung dessen zu finden, was er mir vom isländischen Original vermittelt hat.

Er ist am 26. April 2006, wenige Tage vor meinem 60. Geburtstag, zu dem er kommen wollte, verstorben.

Soweit ein kleiner Auszug meines Interviews mit Iceland Review. Hier kann man es ausführlich nachlesen.

Advertisements

Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
Dieser Beitrag wurde unter Island, Literatur, Lyrik, Prosa abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Den Atem des Gedichtes spüren: Zweiter Teil des Iceland Review-Interviews

  1. gsohn schreibt:

    Reblogged this on Ich sag mal und kommentierte:

    Gespräch mit dem Island-Kenner Wolfgang Schiffer.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s